Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Kultur oder Fetisch?
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 503 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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502 A, S. Juris, Kultur oder Fetisch? und Freuden des Golus machten den ärmsten Handwerker zum Bruder der angesehensten Reichen, den größten „Am Hoorez" zu dem der berühmtesten Lehrer. In der Fremde erkannten wir unser specificum dividens, verspürten unsere Individualität und schlössen uns fest zusammen. Es verschwand der absolute „Am Hoorez" der kulturlose Hintersasse. Die finsteren Ghetti wurden zu Festungen des jüdischen Lebens und darüber hinaus zu Heimstätten des jüdischen Geistes, und der Geringste in Israel nahm regen Anteil an dem Aufbau und Genuß der nationalen Kultur, damit auch der hebräischen* Im Golus erlebten wir das nationale Wunder, daß wir aus einem Bauern- und Hintersassen-Volke zu einer Nation wurden, zur ersten in der Weltgeschichte. „Am Hoorez", das Volk der Erde, wurde zum Volke des Buches, zum „Am Hasefer". Seitdem gehörte der „Am Hoorez" zu den seltensten Kuriositäten der Ghetti. Das ist das Einzigartige an unserer Volksentwicklung. Der Golus machte unsere Kultur völlig unabhängig von Grund und Boden, von irgendwelchen konkreten, materiellen Grundlagen. Sie wurde ambulant und folgte überall unserem Wanderstabe. Sie ist ein geistiges Palästina, und das macht es uns verständlich, warum die breiten chassidischen Massen, die so inbrünstig das „Leschonoh Haboh" herbeiwünschen, Gegner eines konkreten „Erez Jisroel" sind, Land und Sprache sind Mittel und Formen, die dem Volke dienen sollen, — teuer werden sie erst, wenn der Geist und die Seele des Volkes in ihnen die Zelte aufschlagen; aber sie sind wie Kleider auswechselbar, dem Zufall unterworfen. Das blinde Sich-an-sie-klammern und Sie-heilig-sprechen betrachte ich als Götzendienst und Fetischismus, — und sie den lebendigen Triebkräften einer jungen, organisch erwachsenden Kultur in den Weg stellen, als Wahnsinn und nationales Verbrechen. In dem Augenblick, da man die Zedern des Libanons und die hebräischen Laute heilig spricht, haben wir noch mehr Reliquien in unseren Kanon aufzunehmen: den blauen Nil und das alexandrinische Griechisch, die babylonischen Gewässer und den Talmud-Dialekt, den iberischen Himmel und das Spaniolische. So wollen wir diesem Fetischismus den Krieg erklären und stempeln ihn als unjüdisch und kulturlos. Unsere historische Jugend darf uns niemals zum Alpdruck werden. Es war ein strategischer Schachzug des jüdischen Volkes, als es im richtigen Momente den Vulkanboden Palästinas verließ. Die VÖlkerflutungen, die bald nachher über das kleine Land hereinbrachen, hätten es sicher niedergestampft. Noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels gab es eine jüdische