Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Kultur oder Fetisch?
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 502 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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A. S, Juris, Kultur oder Fetisch? 501 leben, kann deshalb nur ihre Belebung Inhalt der Renaissance des jüdischen Volkes sein? Man vergißt, daß die hebräische Sprache nicht immer die eines freien Volkes war, daß der Geist Mosis sich in Aegypten schulte, Jeremias zur Zeit der Zerstörung Jerusalems wirkte, und die Quellen des Hohenliedes in der hellenistischen Epoche zu suchen sind. Selbst Jochanan ben Sackai war zufrieden mit der Zerstörung des Tempels, der eine chinesische Mauer zwischen Israel und Gott war. Für die Neu- und Nur-Hebräer gibt es nur diesen einzigen Abschnitt in der jüdischen Geschichte: den der hebräischen Kultur im alten Palästina; alles andere ist Golus: Elend und Sklaverei. So werden die Schöpfungen des größten Teiles der jüdischen Geschichte in Acht und Bann gelegt Die Diaspora ist für sie nicht mehr geschichtliches Werden, sondern Chaos und nationales Unglück — und Unglück auch die jung-jüdische Kultur. Die alte palästinensische Epoche ist eo ipso jüdisch und wertvoll, die der Diaspora unjüdisch und wertlos. Ist etwa die erste die richtig jüdische, weil sie alt und palästinensisch isi? Denn daß sie hebräisch, ist doch belanglos, da doch die hebräische Kultur vieles, sehr vieles und nicht das Aergste der Diaspora zu verdanken hat. Wenn man demnach über die Diaspora zur Tagesordnung übergeht, so schneidet man nicht nur die Kette des Judentums durch, sondern erst recht die der hebräischen Sprache und Kultur, Wenn ein zweitausendjähriges Schaffen und Ringen des jüdischen Geistes Produkt des knechtischen Golus ist — so sind auch der Zionismus, die Histadruth und das heutige Palästina Kinder desselben Golus. So ist der Golus doch ein Etwas. *) Ich behaupte sogar, daß die hebräische Kultur zu einer lebendigen und einer Wirklichkeit erst im Golus wurde. In Palästina war sie ihrem Grundwesen nach liturgisch-theokratisch und von einer kleinen Schriftsteller- und Priesterkaste in Beschlag genommen. Die breiten Massen des jüdischen Volkes waren Hintersassen, die kaum einen erheblichen Anteil an dieser Kultur nahmen, höchstens dann, wenn sie an hohen Feiertagen den Zehnten entrichten mußten. In der Diaspora erst wurden wir ein Volk, und die hebräische Kultur — eine nationale. Aus manchen verwickelten Ursachen, auf die einzugehen hier nicht der Platz ist, konnten wir nur bestimmte Funktionen im Wirtschaftsleben der Völker erfüllen. Die gemeinsamen Leiden *) Wenn die Asch, Perez, Mendale, die Zeitlin, Birnbaum, Schitlowski, wenn die jiddische Welt (mit und ohne Gänsefüsschen) Legenden sind, dann ist auch Legende der Talmud, AI Kozri und More Nebochim, Bialik und Achad-Haam und -„achron, achron chowiw* (das Beste zuletzt) ein Genfer Dozent und die gelbe ,Welt\