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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 499

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 499 (sequence 18)
Language
German
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498 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. vorgebracht hat? Hiermit aber berühren wir den wundesten Punkt in der prophetischen Idee. Die Propheten waren ja die ersten gewesen, die den Gottesgedanken, der bisher ausschließlich mit den nationalen Schicksalen des Stammes Israel verflochten war, kosmologisch begründeten und ausbauten, die also aus dem Gotte einer engbegrenzten Volksgruppe den Gott des Himmels und der Erde, den Gott des Universums machten. Zu gleicher Zeit schufen sie eine objektive Grundlage für die moralische Idee, die sich bisher nur in einer bloß subjektiven Sphäre bewegte. Sie waren die ersten gewesen, die den Gedanken einer ethischen Weltordnung und einer historischen Gerechtigkeit bildeten, und wenn die abstrakte monotheistische Idee zu einer lebendigen Einheit geworden ist, so ist es hauptsächlich ihr Werk gewesen. Hierin liegt aber der große Widerspruch der prophetischen Idee, den wir keineswegs bemänteln und beschönigen wollen. Die Propheten waren vom Glauben an eine ethische Weltordnung tief durchdrungen; der Gott der Gerechtigkeit war ihnen zugleich der Gott des Himmels und der Erde, der Gott des Universums, und dabei empfanden sie auf das lebhafteste den tiefen Riß zwischen Natur und Person und mußten daher ebenfalls empfinden, daß die Wege der Natur nicht diejenigen der menschlichen Persönlichkeit mit ihren Forderungen sind. Und dieser Widerspruch kommt ihnen nicht selten zum lebhaften Bewußtsein. Zwar machten sie keine Versuche, diesen Widerspruch irgendwie philosophisch zu lösen, aber sie fühlten ihn auf die schmerzlichste Weise, wie nur solche leidenschaftliche und wahrheitsliebende Gemüter es fühlen konnten. Sie waren nicht diese salbungsvollen christlichen Heiligen, die sich bei der Liebe zu aller Kreatur beruhigten und mit der Gottheit in völliger Eintracht lebten. Sie haderten vielmehr mit ihr und zogen sie zur Rechenschaft. Der Kampf gegen die Natur verwandelte sich bei ihnen nicht selten in einen Kampf gegen Gott, den Urheber und Schöpfer dieser Natur, und die Anklage gegen das Böse in eine Anklage gegen die höchste Gewalt, die dieses Böse duldet. Nicht auf dem Boden der Kosmologie haben wir die wahre Bedeutung der monotheistischen Idee der Propheten zu suchen. Die Natur war niemals ihre starke Seite gewesen. Den Weg von der Natur zu der Gottheit zu finden — dies ist ihnen nicht geglückt. Aber ihr monotheistisches Pathos kam in der Sphäre des Persönlichen zum Ausdruck, und hier ist es, wo wir Wert und Bedeutung des Monotheismus der Propheten zu suchen haben. Es konnte dem Prophetismus keineswegs gelingen, Persönliches und Natürliches miteinander harmonisch zu verschmelzen,

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