Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 498 (sequence 17)
- Language
- German
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Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw, 497 den Brennpunkt des Bewußtseins rückten, sondern einzig und allein darin, daß sie mit einer Art genialer Intuition die Sonderstellung und den Sonderwert des Persönlichen erkannten, und daß sie demgemäß den Sitz der moralischen Idee in dieses Persönliche verlegten. Der Prophetismus war es, der zum erstenmal in der Geschichte jenen dumpfen Naturalismus durchbrochen hat, in dem der Geist der antiken Welt gefangen lag, und der zugleich mit fester und sicherer Hand die Bahn vorzeichnete, in der das ethische Fühlen sich von nun an bewegen sollte. Das Christentum bedeutete bereits in dieser Beziehung einen Schritt rückwärts: Das Christentum stellt in den Mittelpunkt der Betrachtung das Gefühl des Mitleids, das von Hause aus vollständig passiv und keineswegs geeignet ist, sich in einen erbitterten und verzweifelten Kampf mit dem Bösen in der Welt einzulassen. Der Lebensnerv der moralischen Idee — die Forderung, der Imperativ, der Angriff und auch das Element des Hasses ist in der ethischen Konzeption des Christentums durchschnitten. Denn man muß sich ein für allemal darüber klar werden, daß das Element des Hasses dem Prinzipe des Guten in viel höherem Maße wesentlich ist, als dem Prinzip des Bösen. Der Böse haßt nicht die gute Tat und die gute Gesinnung, er verachtet sie bloß oder verhält sich zu ihr gleichgiltig, ja er zeigt sich mitunter bereit, sie möglichst zu schonen und zu lieben, sobald er sie für seine selbstsüchtigen Zwecke ausnutzen kann. Der Gute haßt aber die böse Tat und die böse Gesinnung mit einem glühenden, unversöhnlichen Hasse immer und überall, wo er ihr nur begegnet, und kann sich nicht eher zufrieden geben, als bis er sie mit der Wurzel ausgerottet sieht. Ein Element des Hasses muß also dem Prinzipe des Guten irgendwie zugrunde liegen; dieser Haß aber kann nur auf dem Boden einer fundamentalen, unversöhnlichen Gegnerschaft zwischen zwei feindlichen Prinzipien entstehen, und das will anderseits besagen, daß die ethische Idee, wenn sie kein blutleerer Popanz, sondern ein lebendiger Faktor im menschlichen Bewußtsein sein soll, den Dualismus notwendig voraussetzen muß. Der ganze Prophetismus nun ist eine einzige große heroische Symphonie, in deren Mittelpunkte Israel steht, der das Prinzip der Gerechtigkeit zu verwirklichen hat, und die in allen ihren Teilen von dem Grundmotiv des Kampfes mit dem Bösen getragen ist. Und der Monotheismus? Ist nicht Gott der Schöpfer des Himmels wie der Erde, der Urheber des Guten wie des Bösen? Hat nicht der Prophet ausdrücklich gesagt, daß wer das Licht erzeugte, auch die Finsternis geschaffen hat; wer das Gute ins Leben rief, auch das Böse her-