Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 497 (sequence 16)
- Language
- German
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496 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. Haltung. Vor diesem Kriterium muß die ethische Forderung, muß jede Forderung überhaupt die Waffen strecken. Diese Konsequenz hat der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Darwinismus mit seinem zentralen Begriffe der Anpassung bereits gezogen. Daß die Anschauungen des Darwinismus auch in solchen Kreisen und Schichten sich rasch verbreiteten, die naturwissenschaftlichen Studien ganz ferne standen, zeigt zur Genüge, daß sie einem allgemeinen Bedürfnisse der Zeit entgegenkamen. In der Tat ist der Begriff der Anpassung am besten dazu angetan, die ganze Sachlage in eine recht intensive und grelle Beleuchtung zu rücken; denn dieser Begriff auf die menschliche Persönlichkeit angewandt und konsequent durchgeführt, bedeutet den vollständigen Verzicht auf die Forderungen des Gewissens, ja jede Forderung überhaupt, den vollständigen Verzicht auf den Eigenwert der Persönlichkeit zugunsten der äußeren Umstände, die völlige Lossagung von seiner persönlichen Würde zugunsten der äußeren Faktoren der Umgebung. Die servile Gesinnung, die schon längst in den meisten moralischen Anschauungen der Antike schlummerte, feierte hier ihren glänzendsten Triumph; sie kämpfte nicht mehr mit verschlossenem Visier, sondern trat offen und frech gegen alles Persönliche auf, gegen alles, was nicht gewillt ist, die unbedingte Herrschaft der Tatsache anzuerkennen, dem äußeren Erfolg zu huldigen. Mit diesem Begriffe der Anpassung prägte der große Biologe und der große Pöbelmann Darwin die präziseste und schärfste Formel für die ganze Charakterlosigkeit und den ganzen Zynismus eines merkantilen und verlogenen Zeitalters; die nackte Profitmachern mit ihrer tiefen Indifferenz gegenüber allem, was keinen Gewinn abwirft, hat hier zum erstenmal ein eklatantes Glaubensbekenntnis gefunden, denn einen klareren und schärferen Ausdruck konnte sich das Prinzip der Käuflichkeit gar nicht wünschen. Anpassung, Erfolg, Erhaltung — dies klang wie eine Offenbarung, ein Erlösungswort, eine frohe Botschaft für den Geist des Pöbels, den Geist der Gemeinheit, für die Lakaien des Lebens, die Speichellecker des Daseins, für alle die servilen Köter, die den Erfolg als solchen ehrfurchtsvoll bewedeln, für eine ganze Menge käuflicher Wissenschaftler, aus deren Wissenschaft schon längst jeder Schatten einer ethischen Gesinnung gewichen ist, und die niederträchtig genug sind, ihr ganzes Können in den Dienst der Ausbeutung und Unterdrückung zu stellen. Alle diese Abweichungen waren notwendig, um die Bedeutung der prophetischen Idee richtig zu beleuchten. Diese Bedeutung bestand nicht darin, daß die Propheten zum erstenmal in der Geschichte das Verhältnis von Mensch und Mensch in