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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 495

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 495 (sequence 14)
Language
German
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494 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. leicht die Schatten eines Sokrates und eines Konfutse (nochmals) heraufbeschwören, oder sollen wir vielleicht an den modernen Konfutse Tolstoj erinnern» dem das Verhältnis von Mensch zu Mensch über alles ging? Solche Erscheinungen, die zu allen Zeiten, an allen Enden der Welt auftreten, zeigen zur Genüge, daß das Judentum in der Gestalt des Prophetismus die Moral nicht in Pacht genommen hat, daß diese vielmehr ein Gemeingut der ganzen denkenden Menschheit ist. Sagt man uns aber, daß der jüdische Prophetismus zum erstenmal in der Geschichte diesen Nachdruck auf ethische Fragen legte, so fragen wir, woher dieser Nachdruck, und was ihm zugrunde liegt. Ist dieser Nachdruck die Frucht eines besonders lebhaften und leicht erregbaren Temperaments, so bedeutet er sehr wenig für die Geschichte des menschlichen Denkens, und es lohnt sich wahrlich nicht, so viel Aufhebens deswegen zu machen. Hat aber dieser Nachdruck eine tiefere Quelle, nun so gilt es den Quellpunkt aufzusuchen. Wir haben bereits oben ausgeführt, daß die monistische Denkweise der antiken Welt die einzelne Persönlichkeit als einen Spezialfall der Schöpfung empfand, wie es übrigens in der Natur jeder konsequenten monistischen Denkweise liegen muß, wobei es absolut keinen Unterschied macht, ob wir es mit einem materialistischen oder idealistischen Monismus zu tun haben. Der konsequente und ehrliche Monist kann unmöglich der menschlichen Persönlichkeit eine Sonderstellung in der Schöpfung einräumen, er kann unmöglich zugeben, daß diesem Gefühl der Einzigkeit und Aufsichgestelltheit, von dem das Leben der Person getragen wird, irgendwelche reale Bedeutung im Weltall zukomme, daß dem Persönlichen ein besonderes Prinzip zugrunde liege; denn mit dem Momente, wo er ein solches annehmen würde, müßte sich ihm die Schöpfung in zwei Welten spalten, in eine Welt, wo der einzelne Fall im Ganzen vollständig aufgeht, und in eine solche, wo dieser einzelne Fall selbst genügend das Ganze vollständig durch sich vertritt, und er müßte eo ipso aufhören Monist zu sein. Ob der Monist die Welt als ein Materielles oder ein Geistiges auffaßt — das bleibt sich daher vollständig gleich: dem Materialisten würde die Person in die Materialität, dem Spiritualisten in die Geistigkeit versinken. Dem Idealisten Hegel ist das einzelne Individuum in eben der Weise Nebensache, wie beispielsweise dem extremen englischen Materialisten Hobbes, der, nebenbei bemerkt, in seinem Buche Leviathan die Suprematie des Staates proklamierte, wie es später Hegel ähnlich erweise getan hat. Es liegt auf der Hand, daß wenn demnach der monistische Denktypus den Fall der menschlichen Persönlichkeit nimmermehr

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