Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 494 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. 493 Schilderung des separaten Falles verwendet, sie nichtsdestoweniger vor allem das darin waltende universelle Leben im Auge hat. Dieses universelle Leben zum lebhaften Bewußtsein zu bringen — darin besteht ihre Aufgabe, und je besser es ihr gelingt, desto vollkommener ist ihr Werk, Sie sucht das zu verwirklichen, was Spinoza die „ratio intuitiva" genannt hat, das will sagen die Fähigkeit, in jedem Spezialfälle, der örtlich und zeitlich begrenzt ist, die Ewigkeit und die Unendlichkeit des universellen Lebens zu erschauen. Der Unterschied zwischen einem spinozistisch gestimmten Metaphysiker und einem Künstler würde bloß darin bestehen, daß während ersterer das Allgemeine durch seinen reflektierenden Verstand zu erkennen strebt, der letztere es unmittelbar durch sein Gefühl erfaßt Beide aber bleiben sie Zuschauer, das will sagen, daß die einzelne Person für den Künstlei ein ebensolches Objekt der Betrachtung bildet, wie für den reflektierenden Metaphysiker. Der Gedanke, daß das Leben der Person eine Erscheinung sui generis darstellt, die mit dem Maßstab des universellen Lebens nicht gemessen werden kann, daß die Person mithin kein Spezialfall ist, sondern daß sie das universelle Leben vollständig vertreten kann — dieser Gedanke ist hier noch nicht da, und aufkommen konnte er nicht, solange der Gegensatz zwischen Mensch und Welt, zwischen Persönlichkeit und Sein nicht erfaßt worden war. Diesen Dualismus zu erfassen war erst den Propheten beschieden. Wir haben eben bereits angedeutet, wie unrichtig es ist, den jüdischen Prophetismus für die moralische Idee überhaupt verantwortlich zu machen, und wie wenig anderseits die Hervorhebung des Verhältnisses von Mensch zu Mensch imstande ist, die Bedeutung des Prophetismus in ihrem ganzen Umfange zu erschöpfen, solange wir nicht den tieferen Hintergrund erraten haben, an dem sich dieses Verhältnis für den Prophetismus abzeichnete, solange wir nicht die besondere Note herausgefunden haben, die er in die moralische Idee hineintrug. Und auf diese besondere Note kommt es eigentlich an, sobald es gilt, den Wert der prophetischen Idee für unsere Gegenwart und Zukunft abzuschätzen, und nicht auf die trockene Tatsache, daß die Propheten zum erstenmal das Verhältnis von Mensch zu Mensch in den Vordergrund des Interesses rückten. Dieses Verhältnis beschäftigte ja das Denken der ganzen antiken Welt, und wir wissen doch ganz genau, daß aus der Mitte der nichtjüdischen Antike, wie auch der Moderne, erhabene Geister hervorgegangen sind, die sich mit besonderem Eifer den moralischen Fragen hingaben, und die das Verhältnis von Mensch zu Mensch in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellten. Sollen wir viel-