Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 493 (sequence 12)
- Language
- German
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492 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. konkreten Form, in der sich dieses äußert. Gefühle des Schmerzes, Mißbehagens, Widerwillens, physischen und moralischen Ekels — dies sind die bewertenden Reaktionen, die das Leben der konkreten Umgebung vermöge unserer physischen und moralischen Konstitution in uns nicht selten wachruft; aber in allen diesen unschönen Formen ist ein allgemeiner Lebenskern enthalten, der, weil er eben Lebendiges ausdrückt, unsere nach Leben und Erhaltung dürstende Seele irgendwie freudig stimmen muß. Diesen allgemeinen Lebenskern aus den ihn verdeckenden Hüllen herauszuschälen — dies ist es, wonach die künstlerische Betrachtungsweise strebt, und was sie unter günstigen Umständen in einer künstlerischen Schöpfung verkörpert* Allem echten künstlerischen Schaffen muß notwendig ein gewisser asketischer Zug anhaften, eine gewisse Abkehr vom unmittelbaren Dasein mit seinen unmittelbaren Freuden und Leiden muß notwendig die Tendenzen des Künstlers markieren, dessen Sinn ausschließlich auf die Ewigkeit des Lebens gerichtet ist, und der von jeder konkreten Aeußerung des Lebens unwillkürlich absieht, um nur den allgemeinen Lebensgehalt aufzuspüren und in sich aufzunehmen. Der Künstler muß vielfach seinen physischen und moralischen Ekel überwinden, überall da, wo es gilt in den Häßlichkeiten und Verworfenheiten des Daseins den Strahl des sie beseelenden Lebensimpulses aufzufangen und in irgend einer konkreten Gestalt zu fixieren. Hierin unterscheidet sich die echte und große Kunst von dem Aestheten-* tum, und auf diese wichtige Entscheidung eben möchten wir die ganze Aufmerksamkeit des Lesers lenken* Der Aesthet wendet sich mit Vorliebe den gefälligen und angenehmen Formen des Lebens zu, er jagt immer und überall dem unmittelbaren Genüsse nach, er sieht und empfindet nur die Zufälligkeiten und Vergänglichkeiten des Daseins, es fehlt ihm der Sinn für die Ewigkeit des Lebensimpulses als solchen, der im Bösen wie im Guten, im Häßlichen wie im Schönen, im Angenehmen wie im Unangenehmen seine Wirkung offenbart. Der Sinn für die Ewigkeit des Lebens ist es aber, der dem künstlerischen Pathos zugrunde liegt, aus der konkreten und vergänglichen Lebendigkeit der Erscheinung sucht er den allgemeinen Lebenskern herauszuschälen, und daher darf diese konkrete Lebendigkeit nie eine allzugroße Macht über seinen Geist erlangen, er darf nie über dieser konkreten Lebendigkeit das Leben als solches, das Leben überhaupt vergessen. Eine gewisse Härte und Leidenschaftslosigkeit ist daher jedem Künstler großen Stils eigen. Man muß nämlich bedenken, daß trotzdem die Kunst sich mit Vorliebe dem Leben des einzelnen zuwendet, trotzdem sie so viel peinliche Sorgfalt auf die möglichst genaue und möglichst lebendige