Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 492

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 492 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119810-3121100--0924-3121181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. 491 krete Weise fühlen — darin besteht das Geheimnis der Kunst, und dieses Geheimnis haben uns die Hellenen enthüllt. Hellenische Wissenschaft und hellenische Kunst fließen ganz aus derselben Quelle; die hellenische Wissenschaft lehrte uns die Gleichwertigkeit der Tatsachen, den Primat des abstrakten, indifferenten Seins, sie lehrte uns, die gewaltigsten und höchsten Reaktionen des menschlichen Gemüts als Modi des Seins betrachten, und negierte somit die Prävalenz jeder ethischen Daseinsbewertung. Analogerweise lehrt uns die hellenische Kunst die Gleichwertigkeit aller Lebensäußerungen, den Primat des abstrakten, indifferenten Lebens, sie lehrt uns, die höchsten und gewaltigsten Reaktionen des menschlichen Gemüts ausschließlich als Modi des Lebens anzusehen, und negiert ebenfalls die Prävalenz jeder ethischen Daseinsbewertung. Von dem Standpunkte einer rein wissenschaftlichen Betrachtungsweise ist jede beliebige Aeußerung des Seins, jede beliebige Tatsache vollständig berechtigt; vom Standpunkte einer rein künstlerischen Betrachtungsweise ist es jede beliebige Aeußerung des Lebens. (Die Berechtigung der Tatsache ist durch die Notwendigkeit des Geschehens verbürgt; die Berechtigung der Lebensäußerung ist es durch die Freiheit.) Die einheitliche Auffassung des Universums in ihrem tieferen Sinne war eigentlich in Griechenland zu Hause. Das abstrakte Leben, das Leben als solches auf eine vollkommen konkrete Weise zu fühlen und dieses Gefühl zur leben^ digen Darstellung zu bringen — darin besteht unseres Erachtens das Wesen der Kunst. Der Künstler abstrahiert instinktiv von der ganz konkreten Art und Weise, in der sich irgendeine Lebensäußerung seinen wahrnehmenden Sinnen darbietet, um nur das Lebendige an ihr zum Bewußtsein zu bringen und in eine intensive Beleuchtung zu rücken. Und so kommt es, daß der Stoff, an dem der Künstler arbeitet, und aus dem er seine Gestalten herstellt, für die künstlerische Betrachtung vollständig gleichgiltig ist, daß alles, was wir in der konkreten Wirklichkeit physisch verabscheuen oder moralisch verwerfen, uns in der künstlerischen Schilderung mehr oder minder freudig zu erregen vermag, daß der Anblick der Laokoongruppe z. B., die den Zuschauer in der Wirklichkeit mit Grauen erfüllen würde, ihm hier einen hohen seelischen Genuß gewähren kann. Der tiefere Grund dieser radikalen Umwälzung in unserem Verhalten der Wirklichkeit gegenüber ist unseres Erachtens darin enthalten, daß die künstlerische Schöpfung unseren Geist in eine Ebene verschiebt, wo physische und moralische Reaktionen nicht zur Aeußerung gelangen, und nur einer einzigen Reaktion der Weg offen bleibt — der Reaktion nämlich auf das Leben als solches, das Leben überhaupt, unabhängig von der jeweiligen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.