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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 491

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 491 (sequence 10)
Language
German
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490 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. ausschließlich das sich in ihr betätigende Leben zum Gegenstande meiner Betrachtung zu machen, und indem ich daher auf diese Lebensbewegungen mit einer Resonanz meines Gemütes antworte. Das Sterben ist qualvoll und traurig anzusehen, aber in diesem Sterben offenbart sich ein recht intensives und ringendes Leben, und dieses Leben ist es nun, auf das ich ausschließlich reflektieren will, und im Einklang mit dieser Lebensbewegung will ich die Saiten meiner Seele mitschwingen lassen; die böse Tat erregt Zorn und Widerwillen, aber in dieser bösen Tat kommt eine Fülle des Lebens zum Ausbruch, und diese Lebensfülle ist es nun, die ich einatmen will, ohne vorläufig darauf zu achten, was sie in Wirklichkeit ist Suche ich in jeder Lebensäußerung nur die sich in ihr kundgebende Lebenstätigkeit als solche mir zu eigen zu machen, so werde ich selber von diesem Leben infiziert, und für diesen glücklichen Augenblick wenigstens kann mich das Uebel nicht antasten. Indem ich diesermaßen aus jeder noch so schrecklichen Lebensäußerung nur die in ihr wirkende Lebenskraft in meinen beschaulichen Geist aufnehme, indem ich dabei gleichsam meine Seelenplatte von diesen Lebensbewegungen vibrieren lasse, indem ich jede Lebensäußerung zu der musikalischen Ebene des Gemüts hinleite, die die Fähigkeit besitzt, alle biologischen und moralischen Stempel zu verwischen, um nur die Lebenswerte als solche beizubehalten, schaffe ich die Bedingung für eine freudige Betrachtung des Daseins, für gewisse Augenblicke natürlich und unter ganz bestimmten Konstellationen. Die absolute Indifferenz inbezug auf die verschiedenen Aeußerungen des Lebens, die völlige Abstraktion von ihren Einflüssen und Wirkungen auf den menschlichen Organismus und das menschliche Gemüt, das beschauliche Versinken in das reine Leben, wie es ungetrübt von allen biologischen und moralischen Färbungen sich unserem Bewußtsein darstellt — dies ist das Erbe, das uns Hellas in der Gestalt der Kunst hinterlassen hat, und von dem wir noch bis heute zehren. Die künstlerische Betrachtungsweise fragt nicht nach der Art des Lebens, das sich ihr in dem gegebenen Augenblicke darbietet, ob es schön oder häßlich, gut oder böse, angenehm oder unangenehm ist; wenn sie nur die Fähigkeit besitzt, an der gegebenen Lebensäußerung das Lebendige als solches zu erfassen und in irgend einer konkreten Form zum Ausdruck zu bringen — so hat sie die Aufgabe der Kunst erfüllt Ein gemalter Engel und ein gemalter Teufel, ein Hochzeits- und ein Trauermarsch besitzen, vom rein künstlerischen Gesichtspunkte aus betrachtet, absolut denselben Wert, wenn sie nur mit der gleichen Meisterschaft ausgeführt sind. Das abstrakte Leben auf eine kon-

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