Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 490 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. 489 Tendenzen und Folgen beibehalten und weiter ausgebildet. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht hier überall die Erhaltung, und um sie drehen sich alle ethischen Bewertungen des Seins. Selbständige Bedeutung hat diese ethische Bewertung nicht; ihre ganze Macht zeigt sich nur darin, daß sie zu der ungestörten seelischen Heiterkeit verhelfen kann, dieser von den alten Griechen sogenannten „Sophrosine", die später im Stoizismus eine so bedeutende Rolle spielen und dann in Spinoza, diesem konsequentesten Vertreter der antiken Anschauungen in der neueren Philosophie, einen lebendigen Nachhall finden wird. Das menschliche Gemüt mit seinen Protesten und Imperativen auf das Niveau des allgemeinen, indifferenten Seins möglichst herabzudrücken suchen, von dem Gedanken der Gleichwertigkeit alles Seins sich allmählich durchdringen lassen, die menschliche Seele sachte zu der glatten Ebene der Indifferenz hinleiten, in welcher die äußere Natur verharrt — dies ist der Grundgedanke dieser Antike, dies die Antwort, die sie auf das Rätsel des Leids gefunden hat Die christlichen Lehren in ihrer asketischen Zuspitzung sind von dieser Indifferenz ganz und gar nicht frei. Alles lieben, selbst das Uebel, heißt das nicht, sich zu der spinozistischen Anschauung bekennen, daß in allen Dingen Gott enthalten ist? Die größte Entdeckung auf dem seelischen Gebiet zu machen, war jedoch den Hellenen beschieden, die die Kunst in das Bewußtsein der Menschheit eingeführt haben. Nicht daß die Hellenen zum erstenmal in der Geschichte die Kunst ins Leben gerufen hätten, aber sie haben die tiefe Bedeutung der Kunst für das menschliche Gemüt und das menschliche Leben zum erstenmal richtig erkannt, sie haben begriffen, daß es sich hier mehr als um ein bloßes Spiel handelt. Wir haben gesehen, daß die alten Inder in der Askesis und der Selbstbeschränkung den Weg zum Heil gesucht und gefunden haben. Die Hellenen sahen ihn in der künstlerischen Beschaulichkeit. Die allerdings tiefe Differenz zwischen diesen beiden antiken Geistesrichtungen besteht unseres Erachtens darin, daß die alten Inder mit vollem und klarem Bewußtsein den Weg zeigten, während die Griechen instinktiv und tastend suchten. Wiewohl es aber durchaus nicht in der Absicht der griechischen Künstler, Dichter und Weisen ursprünglich gelegen hatte, die Kunst in ihrer Eigenschaft als Erlöserin zu proklamieren, so haben sie es nichtsdestoweniger getan, und ihre Antwort liegt klar vor aller Augen. Wie mache ich die Uebel des Daseins unschädlich? fragte sich gleichsam der hellenische Dichter und antwortete: indem ich mich entschließe, in jeder konkreten Aeußerung des Daseins