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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 489

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 489 (sequence 8)
Language
German
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488 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. Ohren steckt, die zwischen ihm und der Natur eine dicke Scheidewand aufrichten, und der immer mehr die Fähigkeit verliert, dem Leben offen und unbefangen ins Angesicht zu schauen. Der tiefere Orient und ganz besonders das alte Indien war in dieser Beziehung vorbildlich gewesen; tiefer als alle anderen grub die indische Kultur in dieser Richtung; sie war es, die die bedeutungsvollsten und folgenschwersten religiösen Ideen schuf, von denen wir bis auf den heutigen Tag zehren, ohne es selber zu wissen. Fatum, Schuld, Sühne, Askesis — alle diese schwarzen Blumen mit ihrem schweren, betäubenden Duft entsprossen dem üppigen und gefährlichen Boden Indiens. Welches nun war der Grundgedanke, der die altindische Weisheit beseelte, welches die fundamentale Idee, von der sie sich tragen ließ, worin bestand ihr philosophisches Pathos, und vor allen Dingen, welcher Art waren die geistigen Waffen, die sie dem Menschen bot, um ihm zum Siege über das Leid und das Uebel zu verhelfen? Vor allen Dingen muß es auffallen, daß Fragen über Gut und Böse niemals im Vordergrunde des altindischen Bewußtseins gestanden haben, daß die rein ethische Bewertung des Daseins in diesen Gegenden des tiefen Orients nur eine ganz sekundäre Rolle spielte, insofern nämlich sie zur Herstellung des seelischen Gleichgewichts irgendwie beitragen konnte. Schon lange vor Spinoza haben die indischen Weisen mit ihrem durchdringenden Blick für die Dinge des menschlichen Lebens erkannt, daß egoistische Bestrebungen allein nie imstande sein werden, der menschlichen Seele dauernde Befriedigung zu gewähren, und daß maßvolles Entsagen der Seele in dieser Beziehung weit wesentlichere Dienste leisten kann. Im vollen Einklänge mit Spinoza hat der ca. 2500 Jahre vor ihm lebende große Vedalehrer Jajnävalkya ausgeführt, daß alles Leid und aller Genuß auf einer Beschränkung der menschlichen Natur seitens äußerlicher, natürlicher Faktoren beruhe, und daß daher die Erhaltung der seelischen Selbständigkeit nur um den Preis eines Verzichtleistens auf die Lockungen des Daseins erworben werden könne. Den einzigen Weg zur Erreichung eines derartigen Zustandes sah er in der Erkenntnis des Atman, des Grundes und Wesens aller Dinge, der, weil er seiner Natur nach absolut, für sich seiend und unabhängig ist, auch den Menschen mit seiner Unabhängigkeit durchdringt, sobald sich dieser seelisch mit ihm verschmilzt; ganz in derselben Weise wird später Spinoza in der Fähigkeit der „ratio intuitiva" das Mittel finden, des Wesens der Substanz habhaft zu werden. Der spätere Buddhismus hat aus dieser ganzen Lehre den metaphysischen Unterbau beseitigt und nur ihre praktischen

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