Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 488 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R, Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. 487 tind den Kult des Schönen auf die Spitze getrieben? Hat wirklich der aufmerksame Leser diese Fragen im Stillen aufgeworfen, so berührte er damit, ohne es vielleicht selber zu ahnen, das bedeutungsvollste Phänomen für die jüdische Kultur, mit welchem sie unseres Erachtens bis auf den heutigen Tag noch nicht ins reine gekommen ist. Die Antithese zwischen Hellenen- und Judentum bildet von jeher das beliebteste Betrachtungsobjekt in allen Reflexionen über Wesen und Bedeutung des Judentums im allgemeinen und das Prophetentum im besonderen. Aber eine gründliche Abrechnung mit Griechenland und der Antike überhaupt ist bis heute noch nicht geschehene Eine derartige Abrechnung würde zugleich eine solche mit der Kunst und jeder künstlerischen Weltanschauung bedeuten, Ueber da? Wesen der Kunst und ihre innere Bedeutung haben wir nun viel eitles Geschwätz seitens verschiedener Aestheten und Schöngeister, viel unfruchtbares Gerede seitens verschiedener Paragraphengelehrten über uns ergehen lassen, ohne über das Verhältnis der künstlerischen Weltanschauung zu der ethischen irgendwelche Aufklärung erhalten zu haben* Und die vorwiegend ethische Bewertung des Daseins ist doch sicherlich für die Geistesrichtung des Juden- und speziell des Prophetentums charakteristisch. Von der vorwiegend ethischen Veranlagung des jüdischen Geistes ist ebenfalls ungeheuer viel geredet, aber blutwenig gesagt worden, am allerwenigsten von jüdischer Seite. Bis zum Ueberdruß wiederholt man uns immer wieder von dieser Seite, das Judentum habe zuerst die Moral erfunden, als ob die alten Inder mit ihrem durchbohrenden Blick für das Geheimnis des menschlichen Lebens, als ob die griechischen Weisheitslehren mit ihrer tiefen Kenntnis der menschlichen Natur, als ob die antike Gesittung überhaupt, nichts von Moral gewußt hätten. Hier nun gilt es zu zeigen, daß die jüdische Kultur in der Gestalt des Prophetentums wirklich etwas entdeckt hat, aber nicht die Moral überhaupt, die der ganzen kulturellen Antike sehr gut bekannt war und nicht erfunden zu werden brauchte, sondern nur einen gewissen Aspekt derselben, einen Aspekt, der die innere Bedeutung der moralischen Bewertung des Daseins klar an den Tag legte. Und dies wird ohne eine gründliche Analyse der künstlerischen Daseinsbewertung kaum geschehen können. Von jeher sann der Mensch auf Mittel und Wege, wie man der Tatsache des Leidens, den Uebeln des Daseins entrinnen könne, und ganz insbesondere der Mensch der kulturellen Antike, dessen Geist für die großen Fragen des menschlichen Lebens unvergleichlich empfänglicher war, als der des Menschen unserer Tage, welcher in einem Wüste von Bagatellen bis über die