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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 487

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 487 (sequence 6)
Language
German
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486 Dr, R, Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. von spezifischer Bedeutsamkeit freilich, die aber in ihrer Eigenschaft als Tatsachen nur als Spezialfälle des allgemeinen Naturseins gelten mußten. Hier ist der eigentliche Quellpunkt der rein wissenschaftlichen Betrachtungsweise zu suchen, und schon H u m e hat die sehr richtige Bemerkung gemacht, daß wenn schon die Wissenschaft eine Nebeninstanz in der Gestalt der Religion dulden soll, ihre polytheistische Form jeder unverfälschten Wissenschaftlichkeit in weit höherem Maße förderlich sei, als ihre monotheistische Zuspitzung. Diesen Standpunkt des antiken Bewußtseins inbezug auf das Persönliche hat das wissenschaftliche Denken unserer Tage nicht nur bedingungslos akzeptiert, sondern womöglich verschärft und allseitig beleuchtet, wie es allerdings von ihren genaueren und feineren Methoden zu erwarten war. Im rechten Mittelpunkte dieses wissenschaftlichen Denkens steht der Primat des Tatsächlichen, das Vorrecht des Seienden auf unbedingte Geltung, bloß deshalb, weil es ein Seiendes ist. Diese Tendenz tritt in allen Erhaltungsdoktrinen auf unverkennbare Weise zutage. Von diesem Standpunkte der Erhaltung aus sollte eigentlich das Unbelebte für unser Gemüt einen viel größeren Wert als das Lebende besitzen, weil doch alles Leben seiner Natur nach vergänglich ist, der unbelebte Stoff aber in alle Ewigkeit fortexistiert. Vor dieser Schlußfolgerung schrickt die mechanistische Denkweise keineswegs zurück, indem sie nämlich alles Leben auf ein Spiel toter Kräfte zurückführt und die menschliche Psyche wie die menschliche Gesellschaft als Tummelplätze indifferenter Potenzen betrachtet Der Biologismus in seiner allermodernsten Wendung mit seiner energischen Betonung alles Lebens unterscheidet sich in diesem Punkte in keiner Weise von der mechanistischen Denkrichtung. Denn auch diesem modernen Biologismus kommt es nicht auf die innere Bedeutung des Lebenden in seinen höchsten Manifestationen, den Protesten des menschlichen Gewissens an, sondern lediglich auf die Erhaltung, und wenn schon einmal von der Erhaltung die Rede ist, so müssen wir uns wiederum sagen, daß das Unlebendige eine größere Bedeutung für unsere Wertschätzung besitzen muß. Aber kehren wir zu der Antike zurück. Wir werden sehen, wie weit sich die Wurzeln der antiken Anschauungen erstrecken; wir werden sehen, daß das moderne Denken viel tiefer in diesen Anschauungen steckt, als es selber glaubt. Als wir von der Gleichwertigkeit alles Seienden in den Augen der antiken Kulturwelt sprachen, schwebte vielleicht manchem Leser die Frage auf der Zunge: Und die künstlerische Wertschätzung des Seienden? Der Dualismus von Schön und Häßlich? Hat nicht Griechenland diesen Dualismus begründet

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