Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 486 (sequence 5)
- Language
- German
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Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. 485 dem Augenblicke, wo das Denken sich mit besonderer Vorliebe einer gewissen Kategorie von psychischen Potenzen zuwendet, und ihr das Recht erteilt, diese oder jene Lebensäußerung vor ihren Richterstuhl zu ziehen, um über sie das Urteil zu sprechen, von dem Momente also, wo man dem Sein eine ebenbürtige oder gar höhere Instanz an die Seite stellt, wird die Alleingültigkeit dieses Seins durchbrochen. Sein oder Nichtsein, das ist die Frage, sagt Hamlet bei Shakespeare in einem seiner melancholischen Anfälle. Sein oder Beurteilung des Seins — diese Antithese wagen wir nun unsererseits aufzustellen; denn wenn beispielsweise die Beurteilung irgendeiner Tat als gut oder böse für unser Empfinden nicht mehr und nicht weniger als diese Tat selber gelten soll, wenn also diese Beurteilung in ihrer Eigenschaft als Tatsache absolut denselben Wert des Tatsächlichen besitzen soll, wie die beurteilte Tat selber, so verliert sie das Recht auf eine spezifische Sonderexistenz neben dieser letzteren, verliert damit jeden festen Boden in der menschlichen Seele. Vor dem Angesichte der nackten Tatsache des Seins müssen alle unsere moralischen Urteile verstummen. Es liegt nicht in der Absicht der gegenwärtigen Abhandlung, diesen Gedanken weiter auszuspinnen, wir möchten nur darauf hinweisen, daß dem echten Einheitsgedanken die Gleichwertigkeit aller Dinge und Geschehnisse zugrunde liegt, und daß aus dieser Gleichwertigkeit eine moralische Indifferenz mit Notwendigkeit hervorgehen muß. Diese Gleichwertigkeit nun war dem Denken und Empfinden der antiken Kulturwelt sehr vertraut. Das Denken und Fühlen der gesamten Antike, ohne Unterschied von Rasse und Nation, stand unter dem Zeichen der Gleichwertigkeit, dieser tieferen und inneren Seite der monistischen Konzeption, und gerade jener pluralistische Polytheismus war es, in welchem dieser Monismus seinen schärfsten, prägnantesten Ausdruck fand. Denn der Polytheismus, die Vielgötterei, spiegelte in sich, auf eine freilich unvollkommene, inadäquate Weise, die bunte Mannigfaltigkeit der äußeren Naturkräfte, die, wenn sie noch so grundverschieden in der Art ihres Wirkens voneinander sein mögen, sich doch als natürliche Tatsachen, als Gestalten des einen indifferenten Seins, einander immerhin gleichwertig sind. Das Moment des Absoluten in der menschlichen Persönlichkeit, ihre Unvergleichbarkeit, Einzigkeit, ihr Aufsichgestellt- und Insichgeschlossensein war dem Bewußtsein der kulturellen Antike ein noch fremdes, vollständig unbekanntes Terrain. In den Reaktionen des menschlichen Gemüts auf die Einflüsse der Außenwelt, in den Forderungen des moralischen Bewußtseins sah man nur gewisse Tatsachen,