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Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 485

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 485 (sequence 4)
Language
German
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484 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. huldigten ihm, und auch den chinesischen Weisen war es keineswegs fremdgeblieben. Und doch wäre es ein folgenschwerer kulturhistorischer Irrtum zu glauben, daß dieser in seiner Abstraktheit nicht leicht zu fassende Gedanke dem Denken und Empfinden der antiken Welt in einem allerdings vorgeschrittenen Stadium der geistigen Kulturentwicklung in eben dem Maße vertraut gewesen, wie der Begriff des einzigen Gottes dem Denken und Empfinden des Judentums auf einer annähernd gleichen Stufe der Entwicklung, Die gesamte antike Welt, ohne Unterschied von Rasse und Nation, steckte in polytheistischen Vorurteilen, und das allein ist schon Beweis genug, daß der Einheitsgedanke in der nichtjüdischen Antike seinen populären Ausdruck noch nicht gefunden hat. Nun aber hat dieser auf den ersten Blick so harmlos aussehende Einheitsgedanke, der nur die kahlen Spitzen des abstrakten Denkens zu berühren scheint, eine andere, tiefere und intimere Seite, die mit den inneren Aspirationen der menschlichen Seele aufs engste verwachsen ist — und dies ist die Gleichwertigkeit aller Dinge und Geschehnisse in der äußeren und inneren Natur angesichts der nackten Tatsache des bloßen Seins. Wer wahrhaft monistisch denkt und fühlt, der muß unwillkürlich aus allen möglichen Erscheinungen der unbelebten und belebten Natur das Tatsächliche an ihnen herausgreifen und in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, unbeschadet aller sonstigen mehr oder weniger tiefen Unterschiede, die dieses Tatsächliche immerhin aufzuweisen vermag* Für das wahrhafte und strenge monistische Denken darf es absolut keinen Unterschied machen, ob es mit den kompliziertesten und feinsten Regungen des menschlichen Gemüts oder mit irgendwelchem Stücke unbelebter Natur zu tun hat, für dieses Denken ist eben alles in der Natur und im Leben Tatsache, der schönste Satz aus einer Beethovenschen Sonate ebensogut wie der garstigste Wurm, der sich im schmutzigsten Schlamme windet Damit soll keineswegs gesagt sein, daß der echte Monist die tiefgreifenden Differenzen der Dinge und Geschehnisse in der Art ihres Existierens und Wirkens aufeinander nicht gebührend kennt oder ihren Einfluß auf den menschlichen Organismus und das menschliche Gemüt nicht in entsprechender Weise abzuschätzen versteht, aber der Seinsexponent der bloßen Tatsächlichkeit steht im Vordergrunde seines Denkinteresses, und er kann nicht umhin, auch die gewaltigste Reaktion des menschlichen Gemüts als einen Spezialfall des allgemeinen Seins aufzufassen. In allen Dingen ist Gott, in allen Dingen ist das Sein, so oder ungefähr so sagt der unerschrockenste Einheitsdenker Spinoza, und das ist konsequent gedacht, denn mit

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