Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 484 (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung* usw. 483 in deren Mittelpunkt die Frage über Gut und Böse sich befindet, wie eine derartige Denkweise bei einer monistischen Auffassung des Universums stehen bleiben könne* Vielmehr müßte eine derartige Geistesrichtung zu einer dualistischen Konzeption gelangen: einerseits — zu der Vorstellung von einer Welt indifferenter Tatsachen, einer Welt des amorphen Seins, wo es kein Schön und Häßlich, kein Gut und Böse gibt; anderseits — zu der Vorstellung von einer Welt menschlicher Reaktionen, die aus dem Material des indifferenten Seins die Gebilde des Schönen und Häßlichen, des Guten und Bösen herauskonstruieren. Es liegt keineswegs in unserer Absicht, an dem Monotheismus der Propheten irgendwie zu rütteln, aber es ist ein Monotheismus ganz besonderer Art, der mit einer sogenannten einheitlichen Auffassung des Universums nicht das Geringste zu schaffen hat, von Anschauungen und Lebensgefühlen getragen, die der gesamten nichtjüdischen Antike, ohne Unterschied von Rasse und Nation, vollständig fremd blieben. Die verborgenen Wurzeln dieser monotheistischen Auffassung stecken vielmehr in einem scharf empfundenen Dualismus, in einem tiefen Gefühl der Weltentzweiung, und dieser Umstand ist es eigentlich, worauf wir die ganze Aufmerksamkeit lenken wollen. Nie und nimmermehr werden wir die geschichtliche Rolle des Prophetismus begreifen, nie und nimmermehr seine innere Bedeutung für das Denken und Fühlen unserer Zeit, wenn wir nicht diese dualistische Wurzel bloßlegen und ins Auge fassen. Hier ist es aber geboten, die Geistesrichtung der antiken Kulturwelt etwas näher zu präzisieren, denn mit dieser Kulturwelt kam der Prophetismus unwillkürlich in mannigfache intime Berührung, auf dem Hintergrunde der heidnischen Umgebung spielte sich sein ganzes Wirken ab, an dieser erprobte er seine ganze Kraft, und daher kann sich erst an dem Gegensatz dieser verschiedenen Tendenzen und Dispositionen die Lebensanschauung des Prophetismus mit voller Deutlichkeit und Klarheit abzeichnen. Streift man von dieser so viel besprochenen monotheistischen Idee ihre äußere theologische Hülle ab, um den inneren philosophischen Kern herauszuschälen, so erhält man den abstrakten Begriff eines einfachen, in sich ungeteilten, undifferenzierten und einheitlichen Prinzips, das der vielgestaltigen und in sich gespaltenen Schöpfung zugrunde liegen soll. Bekanntlich ist dieses abstrakte, einheitliche Prinzip auf den Gipfeln der antiken philosophischen Reflexion nicht einmal aufgetaucht; Xenophanes, Parmenides, die gesamte eleatische Schule überhaupt, hat es mit einer unvergleichlichen Schärfe und Klarheit ausgesprochen, die großen indischen Vedalehrer, ein Jajnävalkya, ein Caukava,