Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-12-08 · Heft 9 (8.12.1913) · p. Seite 483

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 9 (8.12.1913)
Article
Von der inneren Bedeutung des Prophetismus
Date
1913-12-08
Page
Seite 483 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119810-3121100--0915-3121172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

482 Dr. R. Seligmann, Von der inneren Bedeutung usw. scheidet, so sei es dieses moralische Pathos, das ihn beseelt Seher und Wahrsager sind ja überall in der alten Welt und bei den primitiven Völkern der Gegenwart sehr verbreitet, aber ihnen allen fehlt dieser großartige ethische Zug, der dem menschlichen Leben einen Inhalt gibt Dies ist ja sehr richtig, aber zu gleicher Zeit auch sehr ungenügend, solange wir uns keine klare Vorstellung von der Natur jener Idee gebildet haben, die ihrem ethischen Pathos zugrunde lag. Wir dürfen doch nicht die jüdischen Propheten mit jedem beliebigen Seher und Wahrsager vergleichen, sondern wenn es schon einmal darauf ankommt, so müssen wir sie in eine Parallele mit den Prachtgestalten der griechischen, indischen und chinesischen Kulturwelt bringen, mit einem Pythagoras, einem Konfutse, einem Jajnävalkya, und diese waren ebenfalls von universellen, moralischen Ideen getragen, die diejenigen der Propheten in mancher Hinsicht sogar in den Schatten stellten. Worin ist also der Differenzpunkt enthalten, der den jüdischen Prophetismus von den nichtjüdischen Morallehren ein für allemal unterscheidet, und warum weckt dieser Prophetismus in unserer modernen Seele einen lebendigen Nachhall, wrährend wir all jenen und ähnlichen nichtjüdischen Gestalten nur eine kalte Bewunderung zu zollen vermögen? Weiter hören wir, daß der jüdische Prophetismus sich um die endgültige Ausgestaltung der monotheistischen Idee große Verdienste erworben hat, oder vielmehr, daß er es eigentlich war, der den Monotheismus ins Leben rief und in den Vordergrund des Interesses stellte. Dies zu bestreiten, wird ja niemandem einfallen, der in die Reden der Propheten jemals einen Einblick getan hat. Aber diese nackte Tatsache trägt zum Verständnis des Prophetismus gar nichts bei, solange wir keine Kenntnis von dem geistigen und seelischen Inhalt besitzen, den die Propheten in ihren Gottesbegriff hineinlegten. Nicht Reflexionen abstrakter Natur, sondern reale Triebfedern waren es, die den Prophetismus zur Erkenntnis der Einheit brachten, und solange wir keine Einsicht in diese realen Triebfedern gewonnen haben, wird uns sein wahrer Sinn verborgen bleiben. Viel zutreffender und von viel größerer Tragweite ist eine andere Bemerkung, wonach der Prophetismus zum erstenmal in der Geschichte der Menschen gestellt werden sollte. Dies ist eine Bemerkung, die in der Tat geeignet ist, das Problem an der Wurzel zu packen. Aber wie der Primat des Menschlichen mit dieser monistischen Auffassung des Prophetentums je in Einklang gebracht werden könne, dies übersteigt unser Fassungsvermögen. Nie und nimmermehr werden wir es begreifen, wie eine Betrachtungsweise, die sich rein menschlichen Bedürfnissen und seelischen Aspirationen zuwendet, eine Betrachtungsweise,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.