Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Vom neuen Jische͏̈w
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 473 Anders, wenn das Ideal Forderungen stellt. Da sind kurz nach den Progromen Hunderte junger Menschen nach Palästina gefahren. Sie verzweifelten an der Revolution und an dem Leben in Rußland, warfen die russische Grammatik in die Ecke und verließen die Universitäten, um als Arbeiter den Boden Palästinas zu bestellen. Sie glaubten, ihre Brüder dort, die alteingesessenen Kolonisten, (die als nicht geringere Idealisten nach den Progromen der achtziger Jahre ins Land kamen) würden sie mit offenen Armen aufnehmen. Sie haben sich nicht wenig getäuscht Den satten Grundbesitzern dort, die jahrelang vom jüdischen Volk wie Lieblingskinder verzogen und verhätschelt worden sind, war längst der Idealismus vergangen; sie sind heule sehr praktische Menschen, nicht mehr die alten Narren, die um das jüdische Volk zu retten, Erdarbeiter werden. Es gibt ja genug Schulen in Palästina, wo sich die .Bauern* kinder vorbereiten können. Später fahren Sie ins Ausland, studieren, und die Mädchen, die nicht russische Gymnasien besuchen, sitzen zu Hause, spielen Klavier, lesen russische Zeitungen und warten auf den Mann. In ganz Rchoiwois sah ich nur 2 Kolonistensöhne, die Erdarbeit verrichteten Dafür sind die Araber da. Keine jüdische Kolonie, au die sich nicht eine noch stärkere arabische Siedlung angesetzt hat, die von ihr lebt. — Als nun die jungen Idealisten kamen und sich an Stelle der Araber als Arbeiter anboten, wurden sie verspottet und ausgelacht wegen ihres naiven Idealismus und ihrer körperlichen Untauglichkeit. Asch schildert dann, wie nach übermenschlichen Anstrengungen und beständiger rücksichtsloser Ausbeutung durch die Kolonisten endlich eine kleine Anzahl jüdischer Arbeiter wenigstens als Wächter in R. Arbeit fanden. Es folgen die Ereignisse, die schließlich zu der Ermordung des jungen Wächters Friedmann durch die Araber von Sarnigi führten. Wenn seine Darstellung auch nur zum Teil zutrifft, haben sich die Kolonisten von Wadi Chanin» von Rischoin und von Rchoiwois unsagbar hinterhältig am Leben ihrer jüdischen Wächter vergangen, Asch zitiert aus einer Rede des Wächters Halperin:) „Können die Kolonisten sagen, ihre Hände seien rein von Blut? Friedmann hat sich vor den Arabern im Wagen des Hauptwächters von Wadi Chanin retten wollen, aber der ließ nicht nur ihn nicht zu sich herein, sondern half noch den Mördern. Einige Kolonisten von Wadi Chanin sahen der Bluttat von weitem zu, kamen aber nicht zu Hülfe* Auch von Rischoin machten sich nur ganz wenige Kolonisten auf den Weg.* „Am Morgen nach dem Totschlag hat in Rchoiwois die Glocke schon früh die Sarniger Mörder zur Arbeit gerufen. Die Kolonisten taten, als sei nichts geschehen. Die Wächter protestierten und verlangten vom Kolonievorstand, er solle eine allgemeine Versammlung einberufen, damit die arabischen Mörder nicht weiter in der Kolonie beschäftigt würden. Der weigerte sich in allerhand Ausflüchten. Schabbesnacht kamen dann die jüdischen Wächter wieder zusammen, und berieten, ob sie die Kolonie verlassen sollten. Bei dieser Gelegenheit sprach ein Arbeiterfolgende Worte: „Es ist doch selbstverständlich, wir sehen in Rchoiwois und den andern Kolonien nicht das Eigentum einiger satter Grundbesitzer, — täten wir es, dann hätten wir hier nichts mehr zu suchen, in Rchoiwois so wenig wie allerorts in Palästina Wir dürften nicht einmal eine Stunde mehr in diesem Sumpf bleiben Aber uns ist d3s mehr, ein Stück vom jüdischen Jischew, ein Stück von dem Vaterland, das wir uns suchen." „Und was sollen wir sagen, fragt Asch, wir, die denen drüben, den Kolonisten all unsere Kraft abgeben, und unser Leben, unsere Interessen opfern sollen? Unsere Kinder mühen sich unter der russischen Fuchtel, und für sie sollen wir Fonds sammeln f Unsere Emigranten machen eine trostlose Fahrt ins Ungewisse und ihnen schenken wir Kolonialbanken, Fonds, Kongreße! Mögen sie an den neuen Jischew nicht glauben, mögen sie noch so gierig für die eigene Tasche sorgen — nur eins sollen sie lassen: Den Spott und das Witzeln über den Idealismus und die heiligsten Gefühle ihrer jüdischen Ar *