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Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 473

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Vom neuen Jische͏̈w
Date
1913-11-15
Page
Seite 473 (sequence 1)
Language
German
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472 Vom jüdischen Leben und Schaffen Vom jüdischen Leben und Schaffen Vom neuen JischSw Schülern Asch ist auch in zionistischen Kreisen einmal eine Art nationaler Berühmtheit gewesen. Es war das zu einer Zeit, als noch nicht jenes tölpische Kesseltreiben gegen ihn inszeniert wurde, durch das russische Hebraisten ihn als Verbrecher an der nationalen Kultur und sogar als halben Assimilanten stellen wollten. Die Hetze, die sicherlich nicht zum Schutze der jungen jiddischen Literatur erfolgte, ist dann durch die Herren Gitelsohn und Pasmanik bis in die gelbe Welt hinein getragen worden. Mag also sein, daß heute auf Menschen, die Dichter weniger nach ihrer Leistung als nach ihrem Verhältnis zum Baseler Programm einschätzen, das hier folgende Citat aus einer Asch'schen Glosse geringen Eindruck macht. Ihnen sei bemerkt, daß diese Glosse — sie steht im 8. Heft der jiddischen Welt — einen scharfen Protest enthält gegen die Art, wie in Rchoiwois und andern Kolonien jüdische Arbeiter behandelt worden sind. In Manchem wird sie also den Ansprüchen, die Zionisten an Literatur stellen, gerecht „Man hat uns eingeredet*, meint dort Asch, „wir im Golus seien ein Geschlecht der Wüste, zum Aussterben verurteilt Einer nur von Tausenden oder gar Zehntausenden unter uns werde der Gnade teilhaftig werden, sich in unserm Lande anzusiedeln. Aus dem werde dann das neue Judentum hervorgehen. Unsere ganze Kraft sollen wir Palästina abgeben. Da sitzt jetzt in Wien ein jüdischer Kongreß; nicht uns, den Millionen des Golus gilt seine Arbeit — alles den paar tausend Menschen in der kleinen Judensiedlung. Alle Einrichtungen, die sie mit den Groschen des Volks geschaffen haben, die Kolonialbank, der Nationalfond u. a. — alle arbeiten sie für den neuen Jischew. Sogar auf die assimilatorischen Organisationen, die Jca, die Aiko und was sonst sich nach den großen Buchstaben des Alfabets nennt, hat die beständige Agitation Einfluß gehabt. Die zionistische Idee hat auch sie berührt, und mehr und mehr wenden sie sich dem neuen Jichew zu. Unsere Sprache, die Bedürfnisse unserer Kultur — darüber haben sie nur Spott und Lachen; das mag im Winkel stehen; warum sich auch darum sorgen? Ist es doch einmal zum Untergehen bestimmt Schon gehen sie und sammeln einen zweiten Nationalfond für die kulturellen Bedürfnisse des neuen Jischew. Sogar die Assimilatoren machen darin mit Auf jeden Einwohner dort eine Schule — auf jedes Kind ein besonderes Lehrbuch — alles soll ihnen im Schlafe kommen, die gesamte Energie der Judenheit, alles neue Leben, das bei uns aufblüht, ihnen dienen. Wir hier, im Golus, die Millionen, das Volk — gerade zum Sterben gut genug. — Und wer es wagt, anders zu denken, wer so kühn ist, mit den Massen zu fühlen, mit dem Golus, den trifft der Bann; ein Abtrünniger ist er am Ideal, ein Ignorant und ein Cyniker. Glaubten wir doch schon, der neue Jischew, der dem jüdischen Volk die Kapitalien seiner Reichen, die phantastische Arbeit seiner Barone und den Idealismus seiner Intelligenz fortgenommen hat und heute mehr und mehr davon verschlingt, — dieser Jischew sei unser Nationalgut, ein Stück von unserem Land, und nicht das Eigentum einzelner satter Menschen. Die jüdischen Bauern dort sehen aber die Sache anders an. Vor allem andern sind sie Grundbesitzer, die Tasche liegt ihnen näher, als das Ideal. Freilich, wo das Ideal keine Opfer verlangt, wo es im Gegenteil die Kasse füllt, z. B. in Fragen der Kultur, des Hebraismus und neuer Schulen, sind die Bauern von Rchoiwois gewaltige Idealisten. Ihre Kolonie ist die Hochburg des palästinensischen Hebraismus. Aus ihr ist das Jiddische gänzlich vertrieben worden, alle Kinder und sogar die Arbeiter reden hebräisch — mit Ausnahme jener Mörder der jüdischen Wächter, der Araber von Sarnigi. —

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