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Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 460

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Die Dichtungen Arnold Zweigs
Date
1913-11-15
Page
Seite 460 (sequence 7)
Language
German
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Ludwig Strauß, Die Dichtungen Arnold Zweigs 459 niedergezogen, gebunden, vernichtet hätte wie Saul. Da, im höchsten Rausch seiner freien Entrücktheit und trunken vom Wein, erblickt er Abiga'il; im höchsten Rausch seiner Einsamkeit beginnt er sich liebend mitzuteilen und will eine Frau umarmen, die er verloren hat. Bei Abigails Geständnis bedroht er sie in trunkener Wut, dann aber erkennt er und richtet das Schwert gegen sich selbst. Er stirbt, zugewendet der aufgehenden Sonne, mit den Worten des Morgengebetes: „Gesegnet sei, der da bringt das Licht und das Recht!" Diese Handlung ist um viele Personen und Geschehnisse von überzeugendster Symbolhaftigkeit reicher, als das knappe Schema, das ich hier geben konnte. Aber nun ist die Fülle ganz gebändigt, und klar treten die großen, einfachen Linien des Aufbaus hervor: wie die Handlung um Abigail sich im ersten Akt von der um Nabal löst, im zweiten die Person Davids in sich aufnimmt und im dritten sich wieder mit der Handlung um Nabal verknüpft, ihn vernichtend. Das Drama ist von einer überaus kühnen Geistigkeit An manchen Strecken des Dialogs, z. B. zwischen Saul und Nabal, fällt die Handlung wie ein gleichgültiges Symbol, und der geistige Gehalt des Stückes ist unmittelbar dramatisiert. Aber es ist dramatisiert; hier handelt es sich nicht um ein Stück aus didaktischen oder lyrischen Monologen. Die Form des Dialogs hat aufs tiefste den Stoff ergriffen, sie faßt auch in den längeren Reden jeden Satz und jedes Wort und richtet sie zum Gegenspieler; sie setzt allen Gehalt um in Bewegung, Nahen und Entfernen, Liebkosung und Kampf. So ist die ästhetische Wirkung des Stücks eine durchaus dramatische. Bei aller Geistigkeit ist es ein Bühnenstück, zwar nicht in dem üblichen Sinn des „Zugstücks", aber in diesem, einzig haltbaren: auf ein Publikum, das Kunst sucht, würde es von der Bühne aus stark dramatisch wirken. Hoffen wir, daß ein mutiger Theaterleiter sich an dieses besondere und bedeutende Stück wagt. Geistigkeit atmet auch die Sprache des Dramas. Sie ist auf eine spezifisch jüdische Weise unplastisch: immer wieder versinkt das einzelne Bild in der geistigen Strömung, die es trägt, noch ehe es vorgestellt ist; oft sind nicht Bilder gegeben, sondern nur sinnliche Reize, die sich gar nicht zur Vorstellung vereinen lassen, erst zur Einheit werden in der psychologischen Wirkung, die sie auslösen. Der Stil dieser Sprache liegt nach der Richtung des Bibelverses hin, jedoch, dem Charakter des Dramas entsprechend, ist er bewegter und geballter, von einem straffen Rhythmus. Einschläge schillerscher und hebbelscher Rhetorik sind zu spüren; ja manchmal stört, an einigen Stellen freilich nur, jener zügel-

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