Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Die Dichtungen Arnold Zweigs
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 457 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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456 Ludwig Strauß, Die Dichtungen Arnold Zweigs künstlerisch sehr problematisches, ja meistens mißlungenes Werk, das wir nur als für den Autor bedeutsam, ein Dokument und Mittel seines Fortschritts anerkennen* Denn obwohl das absolute Werk weniger gelungen ist als das frühere, ist die Gestaltungskraft des Dichters nicht geringer geworden. Im Gegenteil, wir sehen eine weit höhere handwerkliche Sicherheit in diesen Novellen am Werk, viele neue wertvolle Mittel sind errungen: die Fähigkeit, Spannung zu erzeugen im Satz wie in der Handlung, ist gestiegen, eine ganz neue reiche Bildhaftigkeit des Ausdrucks ist gewonnen. Aber diese gewachsene Kraft steht vor einer unendlich schwereren Aufgabe als vordem: sie hat eine plötzliche, grenzenlose, in sich maßlos bewegte Fülle des Wirklichen zu gestalten; während ihr früher die kühle Wahl zwischen den Dingen der Welt blieb, und ihre klare, weise Verteilung in das Werk ein leichtes war, drängt nun diese Fülle der Dinge von innen her ans Licht und verlangt nach Gestaltung. Ist es verwunderlich, daß zunächst die Lösung der Aufgabe mißlingt? Die Erfahrung, plötzlich vom Künstler begriffen, geliebt und zugleich fieberhaft wachsend, ist seine Herrin, statt seine Dienerin zu sein. Daher kann der Dichter schon nicht die reine Form der Novelle finden (von wenigen Fällen abgesehen), sondern die trübe und wenig straffe des selbständigen Romankapitels, Die Erzählungen sind von einer Breite, die weder ihrem Stoff noch ihrer Geste gemäß ist In der „Familie Klopfer" konnte der Reichtum an Pointen, an anekdotischer Gestaltung, an überzeugender Symbolik auffallen — er hat sich nicht vermindert; wer „Claudia" durchforscht, findet Ihn wieder; wer das Werk künstlerisch aufnimmt, für den hat er keine oder nur eine sehr schwache Existenz. Denn die Steigerung der Handlung, die bedeutende Anekdote, die Verdichtung des Gehalts im Symbol (wie herrlich im „Dreizehnten Blatt") werden erstickt, versinken in einer lastenden Fülle des Details. Der Komplex psychischer und seelischer Folgen jedes Geschehnisses wird so breit dargestellt, daß er nicht mehr nur das Geschehnis lebendiger macht, sondern die Kette der Geschehnisse überwuchert, die kontinuierliche Linie der Handlung zerstört, bis eine seine Konturen hier und dort haltlos überquellende Mißgestalt entsteht. Man empfindet eine nicht subjektive, sondern sozusagen sachliche Langeweile, Langeweile nicht vor der Handlung, sondern im Interesse der Handlung vor ihrer Darstellung, die sie ständig aufhält Oft aber fehlt jede Architektur auch in den Grundlinien. Das „Album" ist zuletzt die endlose Schilderung eines seelischen Zustands. Dabei ist diese Breite nicht von jener Behaglichkeit begleitet, welche die viel knappere