Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Die Dichtungen Arnold Zweigs
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 456 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119809-3120918--0821-3121038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Strauß, Die Dichtungen Arnold Zweigs. 455 Dem entspricht der Stil des Buches, ein behaglicher, breit erzählender Ton (wenn auch das Erzählte stofflich knapp ist), lange, geschliffene Sätze, deren Gefahr keineswegs in ihrem Temperament liegt Im Gegenteil: manchmal verlieren sie alle Gespanntheit, werden schlodderig, Nebensätze reihen sich unrhythmisch und quälend unnotwendig an Nebensätze, Das meiste indes gelingt. Auch die Komposition, indem das Leben vieler Generationen mit sicherer Kühnheit zur persönlichen Vergangenheit der letzten gemacht wird, ohne daß der Zusammenhang dem Rückschauenden locker schiene. Gegen den Schluß des Buches schwingt sich der Stil zu einer überraschenden Feierlichkeit auf, ein pathisches Leuchten beginnt den Untergang der Familie Klopfer in ihren letzten Kindern zu bekränzen. Weitgespannte Perioden von erschöpfender, aber zwingender Durchhaltung der Stimme auf ihrer Höhe, sind die Sätze des letzten Abschnitts. So spüren wir hier doch jenes latente Pathos, das uns Hoffnung gibt für den Dichter, das uns künftige Tat in ihm zu verheißen scheint, während das Ganze der Erzählung uns mit seiner ruhigen Betrachtung des Untergangs den Autor selbst fast als einen Untergehenden, Zukunftlosen erscheinen ließ. Kein Kampf entbrennt in diesem Buch zwischen den „letzten Europäern" und den „beginnenden Asiaten", kein ethisches Pathos zeigt die Handlung, — aber in der Gegenüberstellung der beiden großen Lager, in dieser Bestimmung der Situation äußert sich jenes Pathos des Dekorativen, das wieder und wieder in der Erzählung durchbrach und Zeugnis ablegte von dem Starken und dauernd Fruchtbaren im Dichter. Wer dies zu bemerken verstand, wußte trotz allen Zweifeln, daß die Kühle, mit der Arnold Zweig sich gegenüberstand, nicht Kraftlosigkeit, sondern Jugendlichkeit war. Die „Novellen um Claudia" erwiesen es. Die Stimme dieses Buches ist ganz erschüttert von dem Durchbrechen der Distanz, von der die Rede war, von dem Verlust der kühlen Fremdheit, mit der Kind und Jüngling noch so oft ihrem irdischen Schicksal zuschauen. „Erwachsen", eingewachsen in irdische Zusammenhänge ist der Dichter, ganz in sie verstrickt; so lebt er ganz im Schicksal. Ein starkes Verhältnis zur Erfahrung hat er erst hier gewonnen; darin liegen manche Vorzüge und Schwächen des Werks begründet. Die Geschichte der Vereinigung zweier Menschen wird gestaltet, nicht indem ein Roman sie umfaßt, sondern indem Novellen ihre wesentlichen Etappen, freilich mit der Ausführlichkeit des Romankapitels, darstellen. Es entstand dabei nichts von so sicherer Qualität wie die „Familie Klopfer". Es entstand ein