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Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 455

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Die Dichtungen Arnold Zweigs
Date
1913-11-15
Page
Seite 455 (sequence 2)
Language
German
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454 Ludwig Strauß, Die Dichtungen Arnold Zweigs, Figuren Peter Klopfers und seiner Kinder nicht vergessen: des berühmten Dichters und Politikers, der glänzenden Gestalt, die mit Sicherheit die Bewunderung der Welt erträgt, wie das Gelingen seiner dichterischen Werke und den Erfolg der politischen Arbeit (sie ist der Judensiedlung in Palästina gewidmet). Aber innerlich ist er verzehrt von der geistigen Krankheit der Moderne: Nervosität, Hilflosigkeit vor der eigenen Phantasie, Angst, Schwäche; durch Selbstmord entrinnt er dem nahenden Wahnsinn. Was er verbarg, wird evident in seinen Kindern: ohne seine heldenhafte Gabe zu lügen oder zu gestalten stehen sie über ihrem untergehenden Ich; traurig, überlegen, unfruchtbar. Ihre Werke mißraten, ihre Liebe, zu schwach für das Außen, richtet sich auf das sanft gewandelte Spiegelbild des eigenen Ich, das der Bruder in der Schwester, sie im Bruder findet. So versinken sie fremd und einsam, während um sie das jüdische Volk, das den eigenen Boden gewonnen hat, langsam größer wird: die „letzten Europäer in einem Volk beginnender Asiaten/' Diese Geschichte, dem Sohn Peter Klopfers in den Mund gelegt, ist mit dem Tone leidenschaftsloser Erkenntnis erzählt, der einem häufigen Typ des jüdischen Dekadents zukommt Aeußert sich Decadence zuletzt und am radikalsten im Versagen, ja Verschwinden des Tattriebes und der mächtigen Gefühlskomplexe, die (vor allem beim Juden) ihm verknüpft sind — so bleibt dem jüdischen Menschen wesentlich Geist, denn Geist und Tat sind die Pole, um die sein Leben schwingt. Unsere Dekadents sind nur selten passive Gefühlsmenschen, sie sind fast stets passive Intellektuelle, denen nur das Bewußtsein der Dekadenz manchmal zu einem ganz starken Erlebnis, dem Selbsthaß, verhilft. Mächtiger Intellekt, nicht im Einkang, sondern im Kampf mit den Resten von Willen und Gefühl, die geblieben sind, — dies ist die Seele der „letzten Europäer" unter den Juden, die Zweig darstellt Aber nicht bringt die Erkenntnis den verzweifelten Aufruhr der unterliegenden Seelenkräfte. Sicher sind beide Lager, „letzte Europäer" wie „beginnende Asiaten", im Innern Zweigs, sicher ist dieses Buch diktiert von einer grausamen Selbsterkenntnis, die bis zum Selbsthaß geht, — aber wie schwach ist die Stimme dieses Hasses gegen die, mit welcher der frühe Wassermann oder Moritz Heimann in manchen Werken sich zu vernichten scheinen* Nein, der Ton ist überlegen, der, welcher haßt, hat eine sehr weite Distanz vom Gehaßten. Jene Entferntheit vom eigenen Schicksal, jenes Gefühl des NichtdazugehÖrens, das Hofmannstal in einigen frühen Dramen aufdeckt, gibt Arnold Zweig die Ruhe, die Ueberlegenheit, mit der er das Unfruchtbare, Zerrüttete, Untergehende in sich entblößt und gestaltet.

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