Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Wer ist angeklagt?
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 448 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Maxim Anin, Wer ist angeklagt? 447 Hand der Geschichte nicht bloß zum Mitangeklagten, vielleicht gar zum Hauptschuldigen gemacht an dem Verbrechen, das gegenwärtig in Kiew begangen wird wider den Menschenverstand und die Menschenwürde, Wie das Urteil auch lauten mag. Denn nichts kann mehr an der Tatsache ändern: Anno 1913 wurde zum erstenmal von einem christlichen Staate der Kulturwelt offiziell bekanntgegeben: „Zwischen euch, Lämmern, haust seit vielen Jahrhunderten ein Volk, dessen höchster Genuß das Blut eurer Kleinen ist. Ihr habt es nicht gewußt oder gar den Mut nicht gefunden, es laut auszusprechen. Nun, so geben wir, heiliges Rußland, es euch allen kund." Ex Oriente lux! Vom Zarenreiche hält endlich die Wahrheit triumphierend ihren Einzug in die Welt * . . . Armes Gewissen, du vergehst vor Scham? Konntest du es ja so leicht ertragen, daß bei hellem Sonnenschein tagein tagaus Plünderung, Massenmassakres, Kindermord und Frauenschändung planmäßig von Staatswegen inszeniert wurden. War es ja bloß — interne Angelegenheit eines „befreundeten Staates". Nun spürst du die Krallen dieses befreundeten Ungeheuers auf eigener Haut. Und — du protestierst! ... Ja, gerade so wehmütig, voll Gram und Verzweiflung mußte stets auch unser Protest verhallen . . . Aermstes Gewissen, — ein rechtloser Ghettojude und eventueller „Ritualmörder" bringt dir sein tiefstes Mitleid dar! x|c Wir haben Anins Protest gerne hier wiedergegeben. Aber ich werde ihm wie allen bisherigen öffentlichen Aktionen gegenüber die Empfindung nicht los, daß dies — Selbstanklagen sind. Polnischer Boykott, Rußland zu den Juden überhaupt, Rumänien, Saloniki, unser Studentenelend, jetzt Beilis — all das spannt sich mit vielem ähnlichen in eine Kette Die jüdische Gesellschaft hat sie auf sich genommen wie ein Fatum. Wir — protestieren. Aber handeln? Bei uns unsagbar vorgeschrittenen Menschen herrscht noch immer der mittelalterliche „Stadien". Daran ändern alle Mackabäerreden und politischen Vertretungen nichts. Herr Luzzati, irgend ein amerikanischer Millionär oder gar ein englischer Lord oder sonst einer, den die Langeweile oder das gute Herz zu „staatsmännischem" Dilettantismus plagt Damit erschöpft sich die politische Aktivität der jüdischen Gesellschaft. Wir haben Macht. Haben starke Organisationen, fähige Menschen darin, die nur ihre Arbeit meistens am verkehrten Ende oder sonstwie unrationell anfassen, — aber das Wichtigste: Die Zusammenfassung unserer respektablen Kräfte, das Herausbilden von Institutionen, die lediglich unserer politischen Vertretung und Beschützung dienen und uns gegen jeden äußeren Feind wappnen, das ist ihnen noch immer wie ein Unmögliches für Juden, Die Judenstaatsutopie und die anderen territorialisüschen Surrogate einer