Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Nach dem elften Zionistenkongress
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 444 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Nathan Birnbaum, Nach dem XL Zionistenkongreß 443 Die Damen und die Herren: Mögen Dovids! Turner, Sänger, und Studenten auch noch obendrein Bänder und Bändchen! Ein Heer! Ein richtiges Heer! Da ward der Saal des Kongresses zu klein für die Eröffnungssitzung. Man mußte den größten Saal von Wien mieten. Fünftausend fanden Platz, fünftausend blieben draußen. Und auf dem Kongresse selbst Diese Bewegung und Geschäftigkeit! Präsidenten und Sekretäre! Alte und neue Regierung! Reden, Beifallssalven, Abstimmungen, Stürme! Journalisten, Stenographen, Galerien! . . . Wie hätte das alles den noch nicht zionistischen „Dätsch" nicht verblüffen, nicht verwirren, wie hätte er da nicht nachdenklich werden sollen? ... Ja, wenn's so ist . . . wenn's so ist . . . Und dann noch diese letzte feierliche Sitzung: Da Ussischkin aufstand und donnerte: Die Universität! Die Universität!, mit dem Tempel sie verglich, und schließlich aus seinem Munde die Hunderttausende sich ergossen, die einige Reiche für den großen Zweck gespendet haben; und da die ganze große Versammlung sich erhob, ein gewaltiger Orkan! . , . Wie hätte der verwirrt und nachdenklich gewordene, noch nicht zionistische „Dätsch" nicht noch verwirrter und nachdenklicher werden sollen? Und natürlich, worüber er dann nachdachte, das war nicht der seltsame Vergleich einer Universität mit dem Tempel, nicht der seltsame Vergleich einer phonographischen Doktorenfabrik mit Jawne, jener Schule, aus der eine der originellsten Kulturen der Welt hervorging* Das war auch nicht die Frage, ob die Juden, und selbst die Zionisten, wirklich keine anderen Sorgen haben. Auch die Komik war's nicht, die darin liegt, daß man sich anschickt, für zwölf Millionen Juden, von denen zwölf nicht hebräisch sprechen, eine hebräische Universität zu gründen. Und schließlich war's auch nicht die Tatsache, daß es eigentlich schon genug europäisch-intelligenzlerische Schwätzer unter den Juden gibt, und man wahrlich allen Grund hat, sich mit neuen nicht gar zu sehr zu beeilen . . , Nein, nichts von alledem lag ihm im Sinn. Nur die Hunderttausende ließen ihn nicht aus: . . . Eine halbe Million! . . Bald wird's eine ganze sein . . . Und wo eine Million ist, fliegen neue zu . . . Und die Menschen im Saale beschäftigten ihn: Kein Zweifel, aus den besten Kreisen: Advokaten, Aerzte, Jngenieure, Bankiers, Kaufleute, Studenten, Was will man mehr? Und so gar nicht jüdisch ... Er wußte schon, wie er das meinte . . . Die Herren „elegant", die Damen „schik". Man braucht also die Nichtjuden nicht mehr, kann unter sich bleiben und sich doch was leisten . . . Und wenn's so ist . . - ja, wenn's so ist, dann könnte man ja vielleicht . . . Nein, und tausendmal nein! Einen so großartigen Sieg erringt man nicht durch Tricks und Kunststücke. Den muß man