Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Nach dem elften Zionistenkongress
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 445 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Dr. Nathan Birnbaum, Nach dem XL Zionistenkongreß sich verdienen. Und sie haben ihn sich ehrlich verdient: Die Zionisten, Jahrzehntelang haben sie für ihn gearbeitet, um jeden „Datsch" gerungen. Ein „Dätsch" nach dem anderen, — bis diese ganze große Armee zusammen war, mit der sie jetzt wagen konnten, sich auf Wien zu werfen, und es fast einnahmen. Und dabei ist Wien sicherlich nicht die letzte Station auf ihrem Siegeszuge. Man kann sich darauf verlassen, daß sie noch mehr solche „Zentren der Jüdischkeit" erobern werden- Ganz abgesehen von der Einzeltat: Mann um Mann werden sie beschleichen, „Dätsch" um „Dätsch". Es sind ja genug da auf der Welt. Daß sie aber ihre Siege als Volkssiege ansehen, als Siege im Volke und für das Volk; daß sie vermeinen, den Juden die Erlösung zu bringen? Nun, man glaubte ja einmal auch, daß sich die Sonne um die Erde drehe. Und geblieben ist's ja doch nicht dabei. Ganz ebenso wird auch ihre Zeit kommen. Freilich, nur Gott weiß, wann und nach welchen Umschwüngen, und was dabei aus ihnen werden wird? Vorläufig scheint's ja bis dahin noch weit, sehr weit zu sein. Denn versuchen wir's nur, ihnen zu sagen, daß sie vielleicht gar nicht die berufenen Vertreter des jüdischen Volkes sind, daß es vielleicht noch bessere Juden gibt als sie: So werden sie uns ansehen, wie man den Mann ansah, der zum ersten Male behauptete, daß sich die Erde um die Sonne drehe, Sie werden die Augen aufreißen und die Köpfe schütteln: Was soll das nur heißen? Wen kann man über uns stellen? Was kann man mehr sein als national? Was kann man für sein Volk mehr tun, als ihm Land und Sprache geben? Was kann schöner sein, als die hebräische Universität in Jerusalem bauen? . . . Und wir werden dann, Hand aufs Herz, mit allen den verwunderten Augen und geschüttelten Köpfen nicht fertig werden. Wir werden auf alle die Fragen keine Antworten wissen, die so leicht sind, wie die Fragen selbst Es wird uns wirklich nichts anderes übrig bleiben, als zu warten* als auf den letzten Sieg, als bis zur „Dätschen"-Dämmerung zu warten. Wer aber ungeduldig ist und von bloßem Warten nervös wird, der tue Arbeit! Aber lebendige! Mögen sich jene abquälen, eine neue jüdische Seele in der Retorte zu erzeugen, — wir wollen die alte, lebendige jüdische Seele, den Quell alter und neuer jüdischer Große, wahren und hüten.