Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Nach dem elften Zionistenkongress
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 443 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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442 Dr. Nathan Birnbaum, Nach dem XI. Zionistenkongreß noch entjüdischter, und strebt darum nun noch mehr nach irgend einem Ding, dessen man sich nicht soll schämen müssen, und das einem ein Stück jüdischen Lebensgefühls verleiht. Daß freuen sich aber diejenigen, die führen und führen helfen. Denn die „praktische" Arbeit, für die sie sich Begeisterung einzureden bemühen, wird ihnen auf die Dauer doch langweilig. Noch ein Aeckerchen, noch ein Experimentlein, noch ein Erfolglein, noch ein Bankrottchen: Was ist das schon? Wenn sie wenigstens viel Zeit und wenig Nerven hätten! So sind sie doch aber leider gerade Menschen mit wenig Zeit (das jüdische Volk wartet!) und viel Nerven; Menschen von aufgeregter, demonstrativer und (wiewohl „Praktische") politischer Stimmung; Menschen, die nach Emotionen und Sensationen geradezu vergehen. Und plötzlich dürfen sie! Nein, sie sollen sogar! Das „Volk" selber will es! Der Geist der „Histhadruth" braust! Geld regnefs. Da werden sie erregt, aufgewühlt, kühn. Ueberlegung? Unnötig! Grenzen? Wozu? Die Zeiten des Messias! „Erhebet das Panier gen Zion!" Auf, laßt uns den neuen Tempel bauen: Die hebräische Universität in Jerusalem! Nein, das war kein Trick, kein Kunststück der Führer, sondern ein notwendiger Akt, auf den eine Entwicklung von Jahrzehnten hinauslief. Und wenn es noch eines Beweises bedarf, so betrachte man doch den Eindruck, den die Universitäts- Resolution, ja — noch vor ihrer Annahme — der Kongreß selber machte. Eigentlich war er ja der wenigst gelungene unter allen zionistischen Kongressen: Nie vorher war die Herrschaft der mittelmäßigen Köpfe im Zionismus so klar und peinlich zutage getreten, wie bei der Eröffnungssitzung des elften Kongresses, deren sich die Mehrheit der Zionisten selbst so sehr schämte. Nie vorher war die unvermeidliche Dürftigkeit der wirklichen Arbeitsergebnisse so durchsichtig geworden, wie gerade auf diesem Kongresse. Und doch war gerade seine Wirkung die stärkste. Warum? Weil der Kongreß zum ersten Male in einem großen westjüdischen Zentrum tagte, von dem Strahlen von West~„Jüdischkeit" über viele Provinzen und Länder hin, bis weit nach Osten, gehen; in einer Stadt voll von „Datschen", — alten und neuen, alltäglichen und festtäglichen, echten und imitierten. Weil hier zum ersten Male eine so große Ansammlung zionistischer mit einem so gewaltigen Lager noch nicht zionistischer „Datschen" zusammentraf. Wieviel „Datschen" schon dieses Wien allein stellen kann! Dazu noch die Nähe von Rußland und Galizien, noch mehr von Deutschland, Böhmen, Mähren, Schlesien. So kamen eben Tausende. Und überall sah man sie: In den Straßen, in den Cafes. In den Geschäften ließen sie ihr Geld zurück. Und alle, alle trugen „Mögen Dovids"!