Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Nach dem elften Zionistenkongress
Date
1913-11-15
Page
Seite 440 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119809-3120914--0797-3121022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Dr. Nathan Birnbaum, Nach dem XL Zionistenkongreß 439 wunderndem Respekt vor den nichtjüdischen Seligkeiten angesteckt, d. h, von derselben Anfechtung ein wenig berührt waren. Nur daß sie hier wenig in Betracht kommen. Denn auf ihr eigenes Publikum hatten sie gerade mit ihren zionistischen Anschauungen keinerlei Wirkung, auf ein anderes aber warteten schon ganz andere Lehrmeister: Zunächst jene echten alten Maskilim, *) die da vor der „Himmelstochter" anbetend niederknieten, aber weil sie zugleich noch von Jüdischkeit, jüdischer Lehre und Liebe zu Juden voll waren, sie nicht in Japhet alleia thronen lassen wollten: Auch auf dem Berge Moria und auf den Bergen Judas sollte ihr gehuldigt werden, dort sollte sie dieselbe Freude erleben wie in Deutschland, Frankreich und — Rußland. Allein auch diese alten echten alten Maskilim hätten wohl niemals den Zionismus, wie er ist, geschaffen. Da mußten erst die unschuldigsten Früchte der schuldigsten Haskolo**) kommen: Die ganz Entfremdeten, die ganz Losgerissenen, diejenigen, die erst der Bankrott der Assimilation ins jüdische Lager zurückgetrieben hatte. Sie, die sich hier nicht heimisch fühlten, denen hier alles klein, eng, niedrig und ohne Horizont erschien, begannen bald selbst die Hausherren zu spielen, zu kommandieren* Denn wenn nicht sie, wer noch konnte verstehen, was das Volk nötig hat? Die Schulen hatten doch sie besucht, Geschichte hatten doch sie studiert! Wenn überhaupt jemand, wußten sie, warum die Juden so zu gar nichts zu brauchen, so gar nichts sind, warum man sich ihrer geradezu schämer« muß. Es ist ja auch keine Kleinigkeit: Das Land verloren zu haben! Man muß es eben wieder gewinnen . . . Warum man es aber eigentlich seinerzeit verlor? Und was schon dabei herauskommen kann, wenn man es wieder kriegt? Und wie man es denn kriegen soll, da man doch über alle Länder versprengt und verstreut ist und kein Heer und keine Bauern, ja — nach ihren Vorstellungen — nicht einmal ein Volk hat? . . . Alle diese Fragen beschwerten sie nicht sonderlich. Genug, daß sie über eine nationale Idee mit allen den Requisiten, die bei den anderen Völkern so hoch im Kurse stehen, verfügten und Gelegenheit hatten, dem jüdischen Volke ihre Treue und ihren guten Willen zu beweisen. Genug, daß sie irgendwo die Hausherren spielen, kommandieren konnten. Und so kommandierten sie auch darauf los. Und zogen immer mehr Leute ihresgleichen an. Mit jedem Tage strömten immer mehr *) Maskilim, soviel als Aufklärer, aufklärerische Rationalisten. **) Haskolo, als »Himmelstochter• gepriesen, soviel als Aufklärung, aufkllrerischer Rationalismus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.