Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Wien
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 437 (sequence 9)
- Language
- German
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436 F. M. Kaufmann, Wien „Aus dem Stadium der Exzesse ist das Volk in das Stadium des Niederganges übergegangen. Aus der akuten Krise ist die schleichende geworden* Fragt jeden beliebigen Juden, er mag dem Zionismus noch so fern stehen, ob wir jüdische Solidarität brauchen, und er wird Ihnen sagen: Wir brauchen sie wie das liebe Brot Aber was er noch nicht weiß, ist, daß eine jüdische Solidarität ohne Nationalbewußtsein eine Unmöglichkeit und das Nationalbewußtsein wiederum nur durch den Zionismus eine dauernde Grundlage gewinnt. Ohne palästinensischen Zionismus würde das Nationalbewußtsein nur eine leere Abstraktion sein. (!) Durch Palästina führt es sich in Wirklichkeit ein. Die Verbindungsbrücke zwischen Zionismus und Diasporaproblem ist das jüdische Nationalbewußtsein. Hier stehen wir auf dem festen Boden eines Programms. So kann und wird uns Palästina auch hier (von mir gesperrt) helfen, indem es eine jüdische Solidarität schaffen wird. Eine Wechselwirkung tritt zwischen dem Zentrum-Ideal Palästina und der Umkreis-Wirklichkeit Diaspora ein. Das Tun gehört noch der Diaspora, der Impuls Palästina/' Weitere Proben zu geben, bin ich nicht boshaft genug. Es fordert ja auch sonst die zionistische Publizistik häufig genug dazu heraus, in der ,Freistatt* ihr eine lustige Ecke anzuweisen* Schwerlich aber bot je ein Kongreßbericht eine derartige Auslese von Perlen unfreiwilligen Humors wie der diesjährige. Anders aber sieht die Sache aus und weniger humorvoll, wenn man bedenkt, daß diese Weisheiten zur jüdischen Frage nicht einem Zufallspublikum unwissender Gojim, sondern Juden zugemutet wurden, Juden aus Judenland; anders wenn man sich daran erinnert, wo die Referate über das jüdische Leben in der Diaspora und Palästina gehalten worden. Der Kongreß ist doch kein Konvent westjüdischer Studenten, die niemals eine ostjüdische Zeitung zu Gesicht bekamen, noch besteht er ausschließlich aus Datschen. Vielleicht aber ist dies die Evolution im Zionismus, daß er endlich auch für nichtzionistische Westler salonfähig wurde. Nicht nur als Demonstration, auch als Idee. Und nicht nur als Heimstätten-Zionismus, auch als Hebraismus. So wie sich das in Wien präsentierte, muß der Kultureuropäer mosaischer Konfession erkennen, daß das doch nette Menschen sind, die Zionisten, schöne Menschen, ganz seiner Art, nicht solch echte, alte Juden aus des Vaters oder Großvaters östlicher Heimat — Geist vor seinem Geist! Warum soll er denn das sfardische