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Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 436

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Wien
Date
1913-11-15
Page
Seite 436 (sequence 8)
Language
German
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F. M. Kaufmann, Wien 485 Popanz eines sinnlos gewordenen Programms folgt, obwohl dessen theoretische Grundlagen längst erschüttert sind, und das Leben ein hartes Nein sprach zu aller zionistischen Zielsetzung. Sie hinderten es nicht, daß der Zionismus zu einer der reaktionärsten, volksfeindlichsten Gewalten im ostjüdischen Leben geworden ist, wagen es nie, in den eigenen Reihen den schweren Kampf, der ihnen gegen die seelenlose Parteimaschinerie oblag, auszutragen. Und jetzt? Sie haben es geschehen lassen, daß aus der Tribüne des jüdischen Volkes ein untaugliches, überflüssiges Ding wurde, das als Generalversammlung gar zu unsachlich und dürftig ist, als Massenmeeting allzulangweilig ausschaut Sie haben nicht aufgemuckt, als sich hier kompromittierende Oberflächlichkeit in Referaten und anderen Monologen stundenlang breit und pathetisch machte. Haben es nicht versucht, eine jüdische Atmosphäre in das Wiener Getue hineinzutragen. An dem geistigen Niedergang der Partei, an dem verantwortungslosen Treiben ihrer Presse und ihrer Agitation und an der Götzendienerei vor der brutalen Zahl und der seelenlosen Masse, was alles niemals bisher so kraß und unverhüllt wie in Wien zutage trat, haben sie eine schwere Schuld. Wenn aber nicht in ihnen, wo soll man denn sonst im Zionismus die Elemente suchen, die fähig sind, hier eine noch so schwache Evolution zu erzwingen und endlich die Auseinandersetzung zwischen Leben und Doktrin, zwischen Intelligenzlerwünschen und der eigenen gar nicht so schwer deutbaren Sprache des jüdischen Lebens herbeizuführen? Ich habe mir unbefangen die Wiener Proben zionistischer Geistigkeit angehört; ich habe nicht nach ihrem absoluten Wert, sondern danach gefragt, ob hier ein Mehr, ein Neues, ein Hinausgehen über die altgewohnte Parteiweisheit sich zeigte. Und ich kann nur sagen, daß es jämmerlich war. Die typischen Gemeinplätze aus zehn alten Kongreßprotokollen, die sich in den offiziellen Berichten wie anastatische Neudrucke lesen. Diese alten Dummheiten eingewickelt in das Pathos des Massenmeetings. An Pathetik, dieser alten Zionistentugend, hat es ja auch keinem der früheren Kongresse gefehlt Aber hierin — und mir scheint nur hierin — zeigte sich Evolution im Zionismus. In Wien erfuhr das zionistische Pathos seine nicht mehr überbietbare Steigerung. Auf keinem Kongreß mögen solch starke Brusttöne geklungen haben; man hatte sie zu allen Zwecken verwandt, ganz besonders dann, wenn es galt, Unterbilanzen ein mythischheroisches Gewand zu geben. Wer also kurzweg diesen elften Kongreß charakterisieren will, der mag ihn den „pathetischen" nennen. Ueberflüssig zu sagen, daß die Argumente zu der Höhe der Brusttöne in umgekehrtem Verhältnis standen.

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