Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 435

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Wien
Date
1913-11-15
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119809-3120913--0790-3121017
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

434 F. M. Kaufmann, Wien mit der Befriedigung unserer Antizionisten konstatieren, daß der Zionismus zu einem Schulverein entartet sei, zu einer ganz braven trotz manchen traditionellen Ueberschwänglichkeiten der Förderung werten Sache* Das inhaltslose Wiener Getue vor sensationslüsternen Massen hat mich eher traurig gestimmt. Schließlich sind doch auch Zionisten in all ihrem blutleeren, abstrakten Nationalismus — Juden; ja, aus Pietät zu den heroischen Traditionen der Autoemanzipation laufen da ein paar alter Judengestalten mit, die sich seltsam genug in der Bewegung ausnehmen —, echte, ungebrochene Golusmenschen; nur zu alt schon, um ihren maskilischen Jugendsünden den erlösenden Fußtritt zu geben. Gewiß, auch deren echte Judenart überlief manchmal ein Gruseln, als sie das unerträgliche C-dur-Pathos Berliner Anwälte und protestantischer Rabbiner und dazu die grellen Obertöne von Journaüstenexstatik tagelang über sich ergehen lassen mußten. Das jüdische Volksparlament hatten sie sich einst etwas anders, doch etwas mehr jüdisch, geistiger, eigenartiger vorgestellt. Was soll ihnen dieser gojische Mischmasch von Provinztheater, Massenmeeting und Reformsynagoge? Was können sie denn dafür, daß es Menschen gibt, die redselig, geistlos und dabei pathetisch sind? Warum muß die Verzückung der halben und ganzen Westjuden gerade auf ihre Köpfe? — Bereits nach der kläglichen Eröffnungssitzung hörte man sie in trauernder Wut den neuen, den Yankeekurs für den Niedergang verantwortlich machen. — Darauf, daß der Tiefstand symptomatisch, daß er nicht abhängig ist von den paar Menschen, die der Zufall oder — meinetwegen — die Parteientwicklung in die Leitung weht, sondern daß die Zusammenhänge im Wesen der Bewegung zu suchen sind, in ihrer Unfruchtbarkeit, die als Fluch allen Maskilismus auch über die so zeitliche zionistische Idee verhängt ist — auf solch ketzerische Gedanken sind sie nicht gekommen. Sie hoffen auf den XII. — auf den XIII,, auf einen jüdischen Kongreß — hoffen, wo nichts mehr zu hoffen ist, sie, die alten Maskilim — Wundergläubige in den Dingen des Zionismus, Ich habe auch vor dem Kongreß keine Wunder erwartet. Ich glaube wohl an jüdische Wundertaten und weiß, daß im Volk ihre Helden sind; aber ich suche sie nicht dort, wo sie nie geschehen werden, suche sie nicht bei Intelligenzlern, die im besten Fall, trotz allem Gerede von der Unbedingtheit, ihre innere Zerrissenheit flicken mögen. Von den Geistigen im Zionismus vollends erwarte ich schon seit geraumer Zeit alles andere als Wunder. Seit Jahren schon lassen sie es geschehen, daß die Partei blind und taub am Leben vorbeitastet und dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.