Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Wien
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
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F. M. Kaufmann, Wien 431 unsere altneuen Maskilim sollten das nationalistische Prunkgewand ablegen und bescheiden, in Ehrfurcht vor dem Volke, anfangen, endlich einmal ganze, blutvolle, volksnahe Juden zu werden. Nie wird er es geißeln, wenn der große Name des Volkes für allerhand kleinliches Parteiwerk mißbraucht und dazu beschworen wird, maskilischen Narreteien als Folie zu dienen. Wessen Beziehung zu den Massen des jüdischen Volkes aber eine andere ist, als die kommentgemäßer Mackabäer — eine inner* liehe» herzenswarme, der wird sich schämen, von den augenblicklichen Schwierigkeiten des kleinen Studentenhäufleins auch nur zu reden angesichts der großen Tragik dieser Massen, denen es an den nötigsten Instrumenten für ihr Ökonomisches, ihr kulturelles, ihr soziales und ihr politisches Leben fehlt Wer das heutige jüdische Leben und ganz besonders das ostjüdische nach seinen Schmerzen fragt, dem antwortet es nicht, eine Universität tue not Man mag aber von dem allen absehen und das Projekt als solches anschauen, — auch dann wird man von Volksliebe wenig verspüren. Eine hebräische Universität. Sicher ein gewaltiges Wasser auf stillstehende hebraistische Mühlen. Und sicher für den Zionismus, der ja jetzt glücklich und endgültig in diese volksfernste Intelligenzlerbewegung eingemündet ist, für eine Reihe weiterer Jahre die langentbehrte Gelegenheit zur Betätigung seiner nichts unberührt lassenden Geschäftigkeit Jedoch — das Volk, die großen Massen —, was haben sie mit hebraistischen Phantasmagorien zu tun? Was geht es die Ostjuden an, daß europamüde, ihnen längst entfremdete Intelligenzler sich gerade Palästina zu ihren Kulturexperimenten ausgesucht haben? Welches Interesse haben sie an einem neuen Treibhaus, das aus ganzen halbe Juden gallo-arabisch-türkischer Fagon hinauf entwickeln soll? Was soll ihnen überhaupt das pseudojüdische Kulturbabel, das als von ihnen in allem losgelöste Exklave in Palästina erstehen soll? Was können sie dafür, daß die Schreier einer neuen Chaluko sich für das Salz der Erde halten und so tun, als sei der ganze Golus nur für sie da? Wäre es wirklich eine jüdische Siedlung, die dort entsteht, eine Enklave, ja ein Vorwerk der Kultur und der Gesittung jener Massen, für die man hier angeblich eine Heimstätte bereiten will, — wären es jiddische Kindergärten, jiddische Gymnasien, wäre das alles Weiterbildung des gewaltigen ostjüdischen Kulturguts und nicht eben hebraistische Kulturfexerei —, man würde auch dann, aus Rücksicht auf die viel wichtigeren Probleme der Volksmassen, das Projekt ablehnen müssen, niemals aber, wie jetzt, ihm andere als volksfreundliche Motive unterschieben*