Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Wien
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 431 (sequence 3)
- Language
- German
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430 F. M Kaufmann, Wien mangel krankt, das neue 50-Millionen-Projekt. Die Türken werden ihr — vielleicht — dafür Dank wissen. Der Galuth aber mag nicht wenig überrascht sein von dieser neuesten Wandlung im Zionismus. War er doch bisher dazu verurteilt, als sterbender, schwarzer Mann in der zionistischen Ideologie herumzuspuken, war er es doch gewohnt, daß ihn die Zionisten lediglich als ein bequemes Sprungbrett für Palästina benutzten. Muß er da nicht etwas vorsichtig nach den Motiven dieser Überschwangliehen Volksliebe fragen? Der Galuth hat allen Grund zum Mißtrauen. Was bisher die Zionisten von seinen Problemen in die Hände nahmen, das haben sie zu ihren Zwecken mißbraucht. Es ist das ein Fatum, das nicht nur auf dem zionistischen, das auf allem Maskilismus liegt, daß er die Gegenwartsarbeit, das Weiterbauen an den historischen Grundlagen falsifizieren muß, fremden, nicht in der Linie der Gegenwartsarbeit liegenden Zielen zulieb. Wenn der Golus, wie das auch unter den Zionisten einige zugeben, seine eigene Tendenz in sich selbst trägt, so muß die seelische Grundstimmung der Zionisten, denen nur als Mittel für Palästina dieser Golus etwas wert ist, die größte Verwirrung überall dort anrichten, wo sie in Gegenwartsarbeit hineindringt; Zielsetzung nach Palästina hin muß die Gegenwartsarbeit falsifizieren. Vor kurzem hat Bertholdi diesen verhängnisvollen Charakter zionistischer Volksarbeit im einzelnen an den verschiedenen Wandlungen des Zionismus nachgewiesen. (S. Nowy Woschod 1913: Der Zionismus als Parasit.) Wer mit dem zionistischen Kampf gegen das Jiddische, mit den Versuchen, den ostjüdischen Massen zionistische Parteischulen als schlechtes Surrogat für das alte Cheder aufzuzwingen, oder gar mit dem Benutzen des Emigrationsproblems und anderer jüdischer Lebensfragen zu Zwecken der Demonstration und Propaganda auch nur flüchtig bekannt ist, der weiß, wo die Motive zu diesem neuesten „Geschenk" der Zionisten an den Golus oder an die ostjüdische Studentenschaft zu suchen sind. (Auch hier wieder ist der Beschenkte, der Golus, dem solch neuer Aderlaß zu zionistischen Zwecken wahrlich gefehlt hat, dazu gewürdigt, die Kosten zu bezahlen.) In reiner, von selbstischen Zwecken ungetrübter Volksliebe sicherlich nicht; das mag glauben, wer den jüdischen Dingen so fern und fremd gegenübersteht, wie ein Zionist. Er wird nicht verstehen, daß die nationalistische Phrase niemals ein Werk heiligen kann. Daß Volksliebe etwas radikal anderes ist, wie ein kalter, zur glatten Redensart gewordener Programmaufputz, etwas anderes, wie eine formelle Absage an Europa und die kosmopolitische Assimilation, — eine Negation, die dem Volk keinen Zoll näher führt —, dafür hat er kein Empfinden* Nie wird er fordern.