Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Wien
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
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F. M. Kaufmann, Wien 429 trat, dann sich in steigender Resignation als Kolonisationsgesellschaft etablierte, heute zu einem Verein für neuhebräische Schulen und andere überflüssige Kulturtreibhäuser entartet ist. Ohne das Universitätsprojekt aber, ohne dies Geschenk des Galuth an die Hebraisten besteht der gesamte Ertrag des Wiener Parlaments in tauben Nüssen. Nicht, als ob ich den Plan zu dieser neuesten zionistischen „Gründung" besonders hoch werte; dazu bin ich gegen das endemische zionistische Gründungsfieber zu sehr und zu lange schon abgestumpft. Sondern mir ist dieser Plan wertvoll als ein unübersehbares Zeichen für die Richtung, in der sich endgültig die zionistische Partei bewegt; er ist mir charakteristisch als ungewollte, aber offene Bankrotterklärung der praktischen Kolonisationsarbeit, von der man die letzten Jahre so sehnsüchtig eine Erschließung Palästinas für jüdische Massen erhofft hatte. Wie soll man es denn anders deuten, wenn eine Organisation, die nacheinander tausendundeine Sachen zu Demonstrationszwecken in die Hand nimmt, in Palästina eine Gründung nach der anderen ins Leben ruft, ohne auch nur die wichtigsten auf feste Füße stellen zu können, wenn diese Organisation, der allein zur ernsthaften Fortsetzung ihrer bisherigen Arbeit die notwendigsten Mittel fehlen, sich einem neuen 50-Millionen- Projekt zuwendet? Was soll man zu diesem Luxusprojekt sagen angesichts der fatalen Zustände, in denen heute sich die palästinensiche Judensiedlung befindet? Es bedarf gar nicht der Kenntnis der Lewinschen Untersuchung, *) es genügt, scharf zwischen den Zeilen des diesjährigen offiziellen Palästinareferates zu lesen, um zu erkennen, daß das koloniale Werk dort auf dem toten Punkt angelangt ist. Die Notlage der noch immer winzigen jüdischen Bauernschaft steigt zusehends. In den Städten und auf dem Land unglaublich verworrene Zustände: Die 100 000 palästinensischen Juden sind in unzählige Parteichen zerrissen, die sich maßlos befehden. Nirgendwo auf Erden ein derartiges jüdisches Chaos wie im neuen Palästina. Die Zuwanderung zionisierter Elemente hat die Dinge erst recht auf den Kopf gestellt. In derselben Zeit aber erstarkt das arabische Element ungemein, und es ist heute nicht mehr daran zu zweifeln, daß es hier zu einem organisierten Kampf gegen jede Ausbreitung der jüdischen Siedlung gekommen ist. In dieser nicht gerade lichtvollen Zeit beschert die zionistische Organisation der Diaspora und der Türkei, die an Intelligenz- *) I. Lewin: Die jüdische Kolonisation in Palästina (Augustheft 1913 der Freistatt.) Es ist, wie um so viele Arbeiten der Freistatt, auch um diese in der zionistischen Publizistik merkwürdig still geblieben.