Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Krakau
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 427 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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426 F. M. Kaufmann, Krakau nächsten ,Freistatt'-Hefte eine ausführliche Darstellung zu widmen. — Anderseits ist es nach dem bisher Dargelegten außer Zweifel, daß nicht unbedingte Golusliebe sie auf solchen Weg trieb, sondern der Zwang der fordernden Gegenwart. Bauen und in die Höhe türmen, so wie das der Golus von seinen Menschen verlangt, das vermag dieses Geschlecht der Poale-Zion noch nicht. Dazu ist ihre psychische Stimmung noch immer zu schwankend; zu viele „Aber" und andere Bedingtheiten sind in ihrer Golusliebe. Nur mit einem Fuß stehen sie in ihm, seit kurzem erst und nicht allzufest, während der andere skeptisch verstohlen nach Palästina tastet Sogar ihre Besten glauben noch immer mit dem Jiddischismus alles getan und ahnen nicht, wieviel bürgerlicher Maskilismus noch in ihrer neuen Tugend sein Wesen treibt. Viel lähmender jedoch als auf die Arbeit der Landsmannschafter wirkt dieser Zwiespalt auf die Entwicklung ihres Weltverbandes. Was ich in Krakau sah und hörte, das läßt mich nicht glauben, als würden die Poale-Zion jemals der jüdischen Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrücken. War es Zufall, daß ich dort unter ihren Delegierten nicht einen Proletarier, sondern ausschließlich Akademiker und im Handel Beschäftigte sah? Palästina ist ihnen als sozialistischer Organisation (und der Sozialismus als zionistischer) verhängnisvoll geworden. Ihre Mitgliederzahl ist noch sehr gering — sie mögen heute 5000 organisierte Anhänger aufweisen —, ihre Geldmittel reichen keineswegs dazu aus, um nur die notwendigsten Organe für ihren Weltverband zu schaffen. Ja, man konnte in Krakau sehr deutlich heraushören, daß selbst ihre Führer sich über die unaufschiebbarste Gegenwartsarbeit noch nicht klar geworden sind, geschweige denn sie in Angriff nahmen. Was aber tun sie? Sie schaffen sich in Palästina eine neue Chaluko, — eine moderne, ich gebe es gerne zu — einen nimmersatten Absorbenten für ihre minimalen Mittel. Sie gehen so weit, daß sie die Schönheit, das Gewaltige und den großen, heldenhaften Zug des Golus, was alles selbst auf dessen Gassen ruht, nicht mehr empfinden, wenn ihnen irgend ein Palästinenser üble Leitartikelromantik vorredet von dem neuen jüdischen Arbeiter, von den neuen jüdischen Menschen dort in den Tälern Palästinas. Widerlich und unerträglich war es anzuhören, wie auch sie die süßliche Mythisierung des „Haschomer" widerspruchslos mitmachten, und sich diese an sensationelle Sherlock-Holmsiaden erinnernde Legende wie etwas Niegehörtes, ein großes nationales Neues vorführen ließen. Als ob der arme Golus nie etwas derartiges und sogar besseres, nie eine Selbstwehr, nie den gewaltigen russischen