Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Krakau
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 428 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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« F. M. Kaufmann, Krakau 427 ■ mm* m Befreiungskampf erlebt hätte! Als ob sie die Armen seien, und die anderen, die neue Chaluko, die Reichen! — Ich übersehe gar nicht das Schöne ihrer Solidarität, wenn sie ihre Genossen in Palästina unterstützen — aber tun sie damit nicht sich selbst und dem Golus ein bitteres Unrecht? Geht es denn ihren Brüdern in Rußland und Galizien so gut, daß sie Mittel frei haben für solche Selbstlosigkeit? Wer in Krakau scharf hinhörte, der vernahm den noch stillen Widerstand, der gegen die beständige und ungerechte Palästina-Bevorzugung in ihren Reihen grollt* Er wird stärker werden — daran ist heute schon kein Zweifel. Ob aber mit ihm in den Weltverband der Wille zur Macht hineinfährt, zur Macht in der interterritorialen jüdischen Arbeiterbewegung? Ob er sie dazu befähigen wird, dann, statt wie jetzt mit Worten, das jüdische Wirtschaftsleben, den nationalen Willen des jüdischen Proletariers durch mustergültige Taten zu revolutionieren? Dazu wird es nur dann kommen, wenn sie ihrer seltsamen und überflüssigen Stellung im Ziohebraismus endgültig entsagen werden und sich von allem hemmenden Doktrinarismus befreien. Nach Krakau vermag ich darauf noch nicht zu antworten. Was ihnen hier die kleine, zähe palästinensische Gruppe diktierte, das ward ihnen, wenn auch oft heiß umstrittener, Befehl. Auf den früheren Tagungen soll es schlimmer, soll ihre ganze Arbeit nach Palästina orientiert gewesen sein. Aber es war noch jetzt verworren genug, so sehr ich auch ihr ruhiges, sachliches Verhandeln anerkenne, und so deutlich auch ein Vergleich mit dem Wiener Kongreß mich lehrt, daß in ihnen erst wenig parteimäßig erstarrt ist, daß sie entwicklungsfähig sind. So wie sie jetzt sind, werden sie, wenn schon einmal nicht in der sozialistischen, auch in der zionistischen Bewegung keinen Einfluß gewinnen. In dieser bürgerlich-hebraistischen Organisation sind die mit dem Jiddischen liebäugelnden Poale-Zion an die Wand gedrängt und genötigt, mehr und mehr Hebraisten mit sozialistischen Reminiszenzen aufzunehmen* Sie können noch den Tag erleben, daß selbst unter ihnen die hebraistische Strömung mächtig wird. Auch dafür gab es in Krakau Anzeichen. Vielleicht werden sie dann zur Erkenntnis kommen, wie seltsam sie sich hier ausnehmen: sie, die Jiddischisten, Bauleute am Ziohebraismus! Eine scheckige Sache .... So wenig auch die Krakauer Konferenz Wendepunkt war, so schwach hier die tieferen Spannungen der Partei zur Entladung kamen — mir zeigte sie, daß die Auseinandersetzung zwischen ihrem jungen Geschlecht, das den Golus bejaht, und den alten, mit der bürgerlichen Utopie Belasteten, früher kommen wird, als sie selbst es ahnen. Ich wünsche ihnen den starken