Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Krakau
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 424 (sequence 6)
- Language
- German
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F. M. Kaufmann, Krakau 423 Marterwerkzeuge beigesellt» das Prokrustesbett der normalen Oekonomik. Keine Frage, daß der arme Galuth solche Folter nicht aushält. Hier verrät sich deutlich der alte Denkfehler aller Maskilim — von Mendelsohns Jüngern bis zu Herzl, von Weininger bis zu Ruppin —, der dem zionistischen Denken eigentümlich ist, und an dem man es leichter als an feineren Gemeinsamkeiten nachweisen kann, wie sehr der Zionismus nur Vermummung der dürren Haskolo ist. Einmal gehen sie alle, Zionisten, Poale-Zion und andere Territorialisten, nicht den inneren Gesetzen nach, nach denen Volk und Golus geworden sind. Sie kommen gar nicht auf den fragenden Gedanken, ob nicht der Organismus dieser Organisation ein singulärer ist, ob nicht die Quellen seiner bisherigen und seiner neuen Kraft anderswo, tiefer zu suchen sind, als in Gemeinplätzen von Land und Sprache. Sie verspüren vielleicht unbewußt als einen wühlenden Schmerz das Anderssein, die eigenstolze Normalität des jüdischen Werdens — (Maskilismus ist doch nichts als die Auflehnung gegen diese strenge, „unnormale" Gesetzmäßigkeit). Aber wenn sie an das jüdische Problem herantreten, macht sie dieser Schmerz blind. Mit den alles gleichschlagenden Werkzeugen ihres nüchternen Verstandes, die nicht einmal das um vieles eindeutigere Leben normaler Völker bewältigen, gehen sie an dasselbe heran; muß man noch sagen, daß sie hier alles versimpeln und vergewaltigen? So aber, wie die Zionisten diese Normalitätslehre anwenden, dürften sie es, als Enkel und Fortsetzer der alles andere als geistlosen Maskilim, nicht treiben. Es ist doch die Frage, ob das jüdische Volk im Golus ein in irgend einem Sinne normales Leben führen kann, vorderhand eine rein akademische* Eine interessante sicherlich. Wer diese Normalität im jüdischen Sinne auffaßt, nicht sie anders gearteten, anders gewordenen Gojini entlehnt, wird sie bejahen. Der Zionist verneint sie. Was aber besagt diese Verneinung für Palästina? Was für die Frage, ob es dort überhaupt zu jüdischem Leben oder auch nur zu einer jüdischen Scheinkultur kommen kann? Für die Zionisten — alles. Ihr ganzer Palästinaismus gründet sich auf sie — und auf nichts mehr als auf sie. Ihr einziger und immer wieder variierter Palästinabeweis ist die Anormalität, die Unerträglichkeit des Golus. Alles andere, was bei ihnen als Beweis fungiert, ist Traum, Wunsch, Hoffnung. Sehnsucht — meinetwegen. Woher dieser naive Trugschluß stammt, wie er mit jenen vorbaslerischen Anschauungen, denen Palästina ein leeres Land, darinnen Milch und Honig fließen, zusammenhängt, das zu untersuchen, mag nicht uninteressant sein. Jedenfalls spricht es stark