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Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 423

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Krakau
Date
1913-11-15
Page
Seite 423 (sequence 5)
Language
German
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422 F. M. Kaufmann, Krakau Ohne weiteres ist es klar, daß in diesen Fragen nach der Eignung Palästinas und nach der Tendenz des Goluslebens der Punkt zu erblicken ist, wo die gedankliche Arbeit der Poale- Zion einzusetzen hatte. Und hätte die Bewegung nicht ihren Ausgangspunkt im bürgerlichen Zionismus, sie würde im Anfang schon empfunden haben, wie unvereinbar die beiden Hauptelemente ihrer Theorie sind: das sozialistische, die starke Golusbejahung, und das bourgeoise, der Palästina-Utopismus — sie hätte den Widerspruch aus der Weit geschafft. So aber läßt sich bis heute in der poalezionistischen Publizistik keine Bemühung wahrnehmen, den Utopismus durch irgendwelche objektive Forschung zu ersetzen. Ich nehme den Schlußteil der sonst vortrefflichen Lockerschen Arbeit zur Hand.*) In neun Aufsatzfolgen hat Locker sehr scharfsinnig die alten maskilisehen Gespenster aus der Golustheorie verjagt, — und im Schlußteil grinsen sie wieder aus allen Sätzen heraus. Dieser Schlußteil will nämlich die sehr dringende Frage nach den Beziehungen der geläuterten, bejahenden Golusbetrachtung zum Zionismus beantworten. Und da zwingt Locker die alte, bürgerlich-zionistische Reminiszenz zu folgendem Umfall: „Trotz allen Tendenzen zur Verfestigung und Aufwärtsentwicklung bleibt der Golus immer Goius, und wird weder ökonomisch noch kulturell unser Volk zu einem wirklich normalen und gesunden Leben führen. Vor allem wird uns hier die Grundlage aller gesunden Volkswirtschaft fehlen, die agrarische/ Es folgen dann weitere Einwände gegen den Golus, der hier noch an einigen andern NormalitMtsthesen gemessen wird, und dann: »Ein solcher Zustand kann nicht das einzige und letzte Ideal eines Volkes sein. Hier liegt die Wurzel des Zionismus. Er ist der Ausdruck des gesunden Volkswillens, sich irgendwo die Möglichkeit zu einem ganzen und normalen Leben zu schaffen. Erst durch die Verwirklichung des Zionismus werden wir, wie der Volksmund sagt, ein Volk werden, anderen Völkern gleich. Nur im eigenen Land ist eine gesunde jüdische Wirtschaft möglich, nur im eigenen Land das gesunde Aufblühen der jüdischen Kultur Der Zionismus ist in diesem Sinne die reifste Antwort auf die jüdische Emigrations- und Arbeiterfrage, die höchste Form nationalen Zusammenlebens * Das ist durch keine kritische Ueberlegung aufgeschreckter Palästina-Utopismus. Ja, waren es die Bürgerlichen gewohnt, den beklagenswerten „Galuth" über die verschiedenen Leisten der „normalen" Kultur zu spannen, um ihn dann als untauglich beiseite zu legen, so sind hier den alten einige neue *) Der jüdische Arbeiter Lemberg 1913 Nr. 40. In einer Untersuchung über die Tendenz der Golusentwicklung, die in das Dezemberheft zurückgestellt werden mußte, werde ich aus Lockers Aufsatz einige Resultate mitteilen.

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