Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Krakau
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 422 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119809-3120912--0775-3121004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
F. M. Kaufmann, Krakau 421 «^MMlMHI^MriMll Theorie. Solange, aber auch nur solange, haben sie Recht, dem Kritiker zu antworten; Was geht es dich an, was für Sachen ich in Palästina anstelle. Und wenn ich mir den Schädel einrenne an verschlossenen Toren — es ist ja mein, nicht dein Wille. Die Poale-Zion aber sind — Sozialisten. Mag der eine oder der andere ihrer Intellektuellen als Reminiszenz an seine zionistischen Lernjahre noch so subjektivistische, den Golus ablehnende Anwandlungen haben — der Palästinaismus darf bei ihnen niemals eine subjektive, eine Willensangelegenheit sein. Eine soziale Bewegung, die sich nicht auf die Tendenzen sozialen Lebens, sondern auf seltsame, an Pathologisches gemahnende Sonderfälle, auf den Willen einzelner Sektierer stützt, ist ein unmögliches Ding. Die Poale-Zion kommen nicht um den objektiven Beweis der Palästinathese herum. Der mußte das A und das O ihrer Gedankenarbeit sein. Und zwar ein umfassender, von den Dingen, nicht von Wenn und Soll ausgehender Beweis, den das Leben nicht in 5 Jahren ad absurdum führen kann. Dieser Beweis nicht wie eine nachträgliche Rechfertigung bürgerlicher Atavismen und nach Zion zielender Gegenwartsmüdigkeit, nicht Beweis ä la Ruppin: Statistik und Soziologie im Dienst einer These, sondern der Beweis als Ergebnis objektiver Untersuchungen. Diese Untersuchungen hatten einmal die Frage der Eignung Palästinas zu behandeln* D. h. sie hatten objektiv die palästinensischen Bedingungen für Kolonisation, Industrie, Immigration, dichte Siedlung, Produktivierung jüdischer Proletariermassen usw. darzutun, hatten ebenso objektiv die Bedingungen der bisherigen Positionen und anderer Territorien darzustellen und dann zu prüfen, in welchem Grade die palästinensischen Bedingungen schlechtere oder bessere sind. Mit einem Prüfen der Eignung ist aber höchstens etwas entschieden für das plumpe Denken eines Territorialisten, Ob die Ergebnisse dieser Prüfung für Angola, für Galveston oder für Palästina sprechen, ist belanglos; an sich ist das alles nur ein Spiel der Gedanken, ein ziemlich müßiges. Denn jetzt beginnt ja erst das Problem, wird es nötig, den Golus nach der Tendenz seiner Entwicklung zu befragen. Meinetwegen den ostjüdischen Golus gesondert vom sfardisch-orientalischen. Jedenfalls ist die Richtung dieser Tendenzen zu untersuchen: ob sich in dem historisch, nicht von den Launen guter Menschen bedingten gegenwärtigen Werden starke Ströme erkennen lassen, die nach Palästina drängen, so stark* daß aus dem Drängen ein Fließen werden kann? *