Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Krakau
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 420 (sequence 2)
- Language
- German
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F. M. Kaufmann, Krakau 419 gewaltigen, ans Licht drängenden Kräfte wahrzunehmen. Man mag Berl Lockers tüchtige Untersuchungen im Zentralorgan der österreichischen Poale-Zion durchlesen,*) um zu erkennen, daß hier endgültig die zionistische Katastrophenlehre ausgespielt hat. Dazu wird man bei diesem jungen Sozialisten in allem fast, was die methodische und soziologische Behandlung der untersuchten Objekte angeht, einen bedeutenden Fortschritt wahrnehmen gegenüber der zionistischen Pseudowissenschaft. Es wäre natürlich verfrüht, wollte man Lockers Anschauung von der Tendenz der Golusentwicklung heute schon im Bewußtsein der Mehrzahl unter den Poale-Zion vorfinden. Jedoch ist gar nicht mehr daran zu zweifeln, daß diese Resultate der Lockerschen Arbeit nichts anderes sind, als der theoretische Ausdruck für die Grundstimmung der ostjüdischen Massen dem Golus gegenüber. Bis auf Eins, ein gewaltiges Aber. Es zeigt nämlich Lockers Untersuchung sehr deutlich an ihrem entscheidenden Punkt, dort, wo füe Resultate der Untersuchung in den Rahmen der zionistischen Ideologie eingespannt werden, daß sich die Poale- Zion in ihrer Auffassung des Palästinaismus noch nicht vom Flecke rühren* Nicht nur haben sie die alte zionistische Heilslehre von den K u 11 u r wundern des kleinen palästinensischen Territoriums fast unverändert beibehalten, — sie haben als Sozialisten diesem Dogmatismus einen vielleicht noch vageren zu- ^rfunden, den von den ökonomischen Wundern. Hier ist die wundeste Stelle; von hier aus zieht sich deutlich der Riß durch die Theorie und die praktische Arbeit der Poale-Zion. Um ihn aufzudecken, muß ich weiter ausholen. * Es ist wahr, vor den bürgerlichen Zionisten haben die Poale- Zion das eine voraus, daß sie in allem, was die Golusarbeit angeht, schon sehr an den Dingen orientiert sind, und daß ihnen das jüdische Volk nicht zu einer Phrase, sondern zu einer Wirklichkeit geworden ist; einigen ihrer Besten zu einer stark und ganz erlebten. Dieser Vorzug hat aber auch seine Kehrseite. Während der Palästinaismus sich bei den Bürgerlichen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aus ihrer negativen Stellung zum Golusproblem ergibt, wird er, angesichts der poalezionistischen Golusbejahung, so relativ die auch noch sein mag, unverständlich und widerspruchsvoll. Gewiß sind die Bürgerlichen um solchen Vorzug, den sie ihrer kalten und feindseligen Beziehung zu den Volksmassen verdanken, nicht zu beneiden. Aber so *) Berl Locker: Zionismus und Goluspolitik in „Der jüdische Arbeiter* Lemberg 1913, 31—40.