Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Krakau
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 419 (sequence 1)
- Language
- German
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418 F. M. Kaufmann, Krakau Krakau Zur Theorie und Praxis der Poale-Zion Von F. M, Kaufmann Die poalezionistische Bewegung hat ihren Ausgangspunkt nicht im Sozialismus. Die Anfänge einzelner Poale-Zion mögen auf den zurückgehen. Die Bewegung als solche wurzelt — als Produkt einer Differenzierung der mehr sozialistischen von den extrem bürgerlichen Elementen — im Zionismus. Diese genetischen Verhältnisse (wer näher auf sie eingehen will, berücksichtige auch den stark kleinbürgerlichen Einschlag, der sich noch um 1900 als Nachwirkung der erst jüngst erfolgten Berufsumschichtung in weiten Massen des jüdischen Proletariats nachweisen läßt) sind wichtig genug. Denn aus ihnen erklären sich die mannigfachen Widersprüche, die sich in der Theorie dieser Arbeiterbewegung vorfinden, und die auch praktisch oft genug eine verhängnisvolle Wirkung ausgeübt haben. Diese Widersprüche sind also ein schlimmes Erbteil aus der Ideologie des gut bürgerlichen Zionismus. Während die Poale-Zion deren allgemeinstem, nationalistischem Ideenkomplex selbstverständlich nach der Art der tschechischen Sozialdemokratie eine besondere, die Klassenkampfsnote geben mußten, haben sie die Lehre von der Verelendung des Golus und die des Palästinaismus ursprünglich unverändert dem bürgerlichen Zionismus entlehnt Es ist nun äußerst interessant zu sehen, wie das Leben die Poale-Zion zwingt, mehr und mehr den Satz von der Verelendung des Golus einzuschränken. So bürgerlich noch heute die Mehrzahl ihrer Intellektuellen und Theoretiker der Herkunft und dem Denken nach sind — wenn ich nicht irre, hat Pasmanik ihnen die erste Broschüre geschrieben —, sie stehen doch in einer viel intimeren Beziehung mit den großen Massen, den Trägern des jüdischen Lebens, als irgendwelche bürgerliche Zionisten. Mählich lernten sie es, auf den Ton der starken Unterströmungen im Golus zu lauschen. Anfangs hatten sie sich,als Korrelativ der bürgerlichen, die von der Kultur handelte, eine Theorie der ökonomischen Verelendung des Golus geschaffen. Bald aber stellte es sich heraus, daß das eine doktrinäre und ärmliche Prognostik war, gewonnen an allzuflüchtigen Beobachtungen, die in der Hauptsache nur vorübergehenden und und Oberflächenerscheinungen des jüdischen Lebens Rechnung trugen. Aehnlich erging es ihnen mit der bürgerlichen Verelendungstheorie; waren sie doch von Anfang an in vielzunahen Beziehungen zur jiddischen Volkskultur, um hier nicht die ur-