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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 391

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Morris Rosenfeld
Date
1913-10-08
Page
Seite 391 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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390 S« Niger, Morris Rosenfeld Frage ist durchaus nicht die Zentralfrage in der Seele Rosenfelds. Nur Oberflächlichkeit stempelte Rosenfeld zum sozialen Kämpfer, zum sozialen Dichter. Rosenfeld ist ein Ich-Dichter. Das Ich-Gefühl ist das stärkste in ihm. Das Selbstbewußtsein ist sein schärfstes Bewußtsein. Die Leiden seiner eigenen physischen und geistigen Persönlichkeit sind es, die die mächtigsten Leidenschaften in ihm entfesseln, die die Saiten seiner Harfe am zartesten und am gewaltigsten erzittern lassen. Die schärfsten und leidenschaftlichsten seiner Satiren sind die polemischen, weil er in ihnen sich selbst verteidigt. Anderer nahm er sich an, wenn er selbst zwischen diesen anderen war. War er denn nicht selbst der „Bleiche Arbeiter"? War es nicht seine eigene Träne, die „Träne auf dem Eisen"? War es denn nicht sein eigenes Lied, das „Lied der Maschinen"? Man mißverstehe mich nicht Es fällt mir gar nicht ein, den großen sozialen Wert der Arbeiterlieder Rosenfelds, eines Teils seiner Satiren und seines Freiheits- und Kampfpathos' zu leugnen. Ich kenne auch sehr wohl den nationalen Wert eines Teiles seiner nationalen Gedichte („Sturm", „Unser Schiff", „Go lusmarsch", „Chanucko-Lichter" u. a.). Doch nicht vom Werte, sondern vom Ursprung dieser Dichtungen ist hier die Rede: Der Ursprung ist rein individuell. Dichter, deren Hauptteil Phantasie ist, können sich auch in eine fremde Welt hineinleben, und uns in Bildern und Gestalten fremde Freude und fremdes Leid fühlen lassen. Dichter aber, die im Gefühle wurzeln, Dichter wie Rosenfeld, müssen selbst erleben, aus eigener Erfahrung das, was sie schildern, was sie uns suggestiv übermitteln wollen, kennen. In einem seiner späteren Gedichte erzählt uns der Dichter (und wir glauben es), daß er der proletarischen Tradition seiner Jugend, seiner „Shop"-Muse treu geblieben; er spricht zu ihr: . . . Acind hot mech di cät derwätert Fyn jener warshtat dymp yn klejn, Man himl hot zech ousgelätert, Doch dy kymst shtendik noch cy gejn Yn wäzt mir ün of di korbünes Fyn ymgerechter zorg yn pän, Yn trügst dem kas yn düs rachmunes Mir wider ttf in harc arän. [. . . Die Zeit hat mich von jener dumpfen, kleinen Werkstatt entfernt, mein Himmel wurde klar. Doch immer noch kommst du zu mir und zeigst mir die Opfer ungerechter Sorge und Qual und gräbst mir Zorn und Mitleid wieder tief ins Herz.] Aber es ist augenscheinlich, daß sein Zorn und sein Mitleid nicht mehr so stark und tief sind wie einst. Der Proletarier

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