Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Morris Rosenfeld
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 392 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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S. Niger, Morris Rosenfeld. 391 Rosenfeld schuf echtere und mächtigere soziale Gedichte als der Schriftsteller Rosenfeld* Die Gedichte des Proletariers waren persönlich und scheinen uns nur sozial Daher war in ihnen Gefühl, nicht bloß Mitgefühl Gefühl und Selbstgefühl ist der lebendige Quell der Dichtung Rosenfelds, Die Stärke seines Gefühls ist das Maß für die Güte seiner Poesie . . ♦ . Er ist pathetisch, wo ihm das wahre Pathos fehlt; ist es vorhanden, dann ist er feierlich und feurig, rednerisch und dramatisch . . . . Er ist der Dichter des Ausrufungszeichens . . . . Unser Thema ist noch nicht erschöpft Leben und Schaffen dieses komplizierten Menschen und Dichters müßten sorgfältig und liebevoll erforscht werden. Viel wäre zu sagen und zu erkennen von der Wirkung, die das Dorf, wo er geboren wurde, und die lärmenden Riesenstädte, in denen er sein Leben verbrachte, Warschau, London, New-York, auf seine Dichtung hatten. Viel gibt es zu erfahren von seiner Macht und Ohnmacht, von seiner Ansprache mit ihren wunderbaren Rhythmen und schrecklichen Dissonanzen, seinen scharfen Satiren und groben, ungeschlachten Pamphleten, seinen Aphorismen und Epigrammen, seiner Prosa und seinen Uebersetzern, seinen guten Freunden in der europäischen Literatur und bösen Feinden — in der jiddischen. Ein ganzes Buch müßte über diesen individualistischen Poeten geschrieben werden, dem das Los fiel, ein Sänger sozialen Leides und sozialer Hoffnung zu werden . . . Hier suchten wir der künftigen Forschung nur einen Anhaltspunkt zu geben. Zum 50 jährigen Geburtstage eines Dichters wie Moses Jakob Rosenfeld wollten wir nicht mit einer Festrede voll Lobpreisungen kommen, sondern mit einigen nüchternen, aber aufrichtigen Worten über den Eindruck, den wir von seiner Dichtung empfingen. (Aus dem jiddischen Manuskript übersetzt.)