Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Morris Rosenfeld
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 390 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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S. Niger, Morris Rosenfeld 389 seiner Gedichte klingt wie ein Sündenbekenntnis. Seinen ersten Teil zitierten wir oben („Man harfe hot amül geshpilt ♦ . •"), hier interessiert uns die Fortsetzung: Dah hot di cät mech üpgekilt, Ech zing, di harfe mäne shpilt, Nor nit dem zelbn nign; Nitü, es feit der ershter bren, Ech zych, ech aker yn ech ken Em mer cyrik nit krign. Wy bisty ergec, jynger Hd, Gezyngen mit a fäer, Wüs hot geshtrebt, wüs hot geglit, Di weit cy machn fräer? Wy iz di brüche, wy der flych, Wüs hot man vvynsh geshpynen? Ech zych man ershtn ech yn zych Yn ous, er iz farrynen. [Aber die Zeit hat mich abgekühlt, ich singe, und meine Harfe klingt, doch nicht in derselben Weise. Das erste Feuer ist nicht mehr, ich such's, ich grabe danach und kann's nicht mehr erlangen. — Wo bist du hin, mein junges Lied, das feurig ich gesungen, und das in heißer Lust geglüht, freier die Welt zu machen? Wo ist der Segen, und wo der Fluch, aus denen sich mein Streben spann? Ich suche so sehr mein früheres Ich — es ist dahin, verronnen.] Der Dichter mißt der Zeit die Schuld an der Abkühlung zu. Auch wir sprachen oben von der Natur der Gefühle, mit der Zeit zu erkalten. Doch das reicht nicht zur Erklärung der Erscheinung hin, daß seine späteren sozialen Gedichte schwächer als die früheren sind, daß sein Mitleid für die Leidenden nicht so stark wie ehedem ist. Die soziale Lage der Arbeiter hat sich ja inzwischen nicht geändert, der Quell der Leiden ist ja noch nicht versiegt. Hier liegt, wenn wir nicht irren, noch eine andere Ursache vor: Die einstigen Leiden haben nämlich aufgehört, des Dichters eigene Leiden zu sein. Er nahm statt der Schere die Feder zur Hand. Auch jetzt noch litt er. Die „Federsklaverei" befriedigte ihn noch minder als die Knechtschaft des „Shop" („Wel shafn biter, shafn shwer, jo, shafn ün a täne; fardingen ken ech nor di sher, di pen myz bläbn mäne! (Und schaffen will ich bitter und schwer, will ohne Murren schaffen. Vermieten kann ich die Schere nur, die Feder muß mir gehören!) Doch diese Leiden waren von ganz anderer, neuer Art. Das frühere Leid wurde zum Leid der Gesamtheit, aus der persönlichen wurde eine soziale Frage, eine Frage, die ihn eigentlich nicht tiefer ergreift als alle anderen Fragen auch. Die soziale