Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Morris Rosenfeld
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 389 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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388 S. Niger, Morris Rosenfeld Der Grund, daß sich bei ihm viel tote Lieder finden, liegt darin, daß er auch viel tote Gefühle hat So ist sein Liebesgefühl schwach, fast tot (sein Haßgefühl ist unvergleichlich lebendiger). Unter der großen Anzahl seiner Liebeslieder gibt es vielleicht eines oder zwei, in denen der Atem eines wirklichen Erlebens fühlbar ist; die übrigen sind teils Heine, wenn sie besserer, teils Wortgeklingel, wenn sie schlechterer Art sind. In einem Teil seiner Naturgedichte liegt schon mehr Gefühl und Lebendigkeit. Auch hier sind die einzelnen Bilder fast immer allgemein und wortspielerisch; doch in den besseren Gedichten gelingt es ihm manchmal, das Majestätische, Feierliche, Pathetische der Natur auszudrücken: „Auf den Catskillbergen", „Hiob", „Borchi nafschi", „Allein mit Gott", wo der mächtige Eindruck, den die Natur im Dichter auslöst, sich zu religiöser Extase erhebt: Ech fil dech, grojser Got, bin fyl mii zise frejdn. Dy lebst in mir; ech leb; ech ken fyn dir nit shejdn. Wekst of düs ejbigkejt in mir, man shejner maister; Mit dir bin ech a tejl fyn däne hechste gaister, A tejl fyn dem ymendlechkejt yn imer, imer Farbläbt man ech mit dir in bynt; yn meg in trimer Cyfaln alc, wüs iz, yn alc, wüs darf noch wer'n — Ech bläb alejn mit Got, mech ken kejn macht cyshter'n . . [Ich fühl' dich, großer Gott, ich bin voll süßer Freuden. Du lebst in mir; ich lebe; kann von dir nicht scheiden. — Du weckst die Ewigkeit in mir, mein schöner Meister; mit dir bin ich ein Teil deiner höchsten Geister, ein Teil der Unendlichkeit; und ewig bleibt mein Ich mit dir verbunden; und wcrrn das All und alles, was noch sein wird, in Trümmer stürzt — ich bleibe allein mit Gott, keine Macht kann mich vernichten , . .] Auch in diesem Gedichte gibt es manche gewöhnliche oder naive und unmögliche Ausdrücke. Doch welche Lieder Rosenfelds sind frei von diesen Fehlern? Nur die wenigsten. Auch unter seinen Naturgedichten gibt es solche, die reden und nichts sagen, so wie seine Liebeslieder, trotzdem er für Mutter Natur anscheinend doch mehr Gefühl hat, als für ihre Tochter, die Liebe . . . Gefühle sind, wie alles Menschliche, nicht ewig. Noch mehr: Je stärker, je intensiver sie sind, um so rascher verlieren sie ihre Energie. Dafür ist Rosenfelds Dichtung das beste Beispiel Kann man sich stärkere und echtere Gefühle vorstellen als die, welche in seinen ersten Arbeiter- und Freiheitsliedern strömten? Trotzdem hielten auch sie nicht lange an. Immer kälter wurden sie. Ich glaube, der Dichter weiß das selbst, und eines