Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Morris Rosenfeld
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 388 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119808-3120727--0679-3120846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S. Niger, Morris Rosenfeld 387 ich ihn sehe, glaube ich, die ganze Welt ist mein!" Und dann am bitteren Gefühl: „O, fremd ist mir mein eignes Fleisch! Fremd meines Kindes Blick!" Und er schildert uns noch weiter, wie er „voll Bangigkeit" nach Hause kommt; seine bleiche Frau erzählt ihm bald, „wie schön das Kind spielt, und wie süß es spricht" usw. Und der Dichter erwärmt uns mit seinem eigenen Gefühl: „Ich höre es und eile — es muß, ja, es muß geschehen! Die Vaterliebe flackert hoch, mein Kind, es muß mich sehen!" Und zum Schluß, nach jener Schilderung: Der Vater steht bei der Wiege seines Kindes und — „sehe und horche — still! Ein Traum bewegt die Lippen klein: „O, wo ist Pa? Ich küsse die blauen Aeugelein, sie öffnen sich — „o, Kind!" Sie sehen mich, sie sehen mich und schließen sich geschwind. „Da steht dein Papa, Teurer, da hast du einen Penny, Kind!" „Ein Traum bewegt die Lippen klein: Ach, wo ist, wo ist Pa?" — Nach dieser wunderbaren Schilderung, die leblosen Stein rühren könnte, fügt Rosenfeld hinzu: „Ich bleibe voll Schmerz und Pein und Bitterkeit usw." Voll Schmerz und Pein und Bitterkeit . . . Ja, Rosenfeld findet die Worte für seine Gefühle, er birgt sie nicht vor uns. Wenn sein Herz gepeinigt ist, dann weint er ganz einfach. Er würgt die Schmerzen nicht hinunter, sondern befreit sich durch Tränen von ihnen. Wollte man zählen, wieviel Tränen, „bittere, siedheiße Tränen", „Tränen ohne Zahl" seine Augen auf den ersten Seiten des ersten Bandes seiner „Schriften" vergießen, dann sähe man, daß er wirklich ein „Tränenmillionär" ist » . . * Doch nicht so millionenreich ist er an G e f ü h 1 e n. Er hat starke, aber nicht verschiedenerlei Gefühle. Freilich hat er über alles geschrieben: Ueber Mensch und Natur, Freiheit und Liebe, Arbeiter und Judentum, Heine und Lincoln, Basel und Jerusalem, Gott und — worüber nicht? Alle Motive sind bei ihm zu finden: Soziale und nationale, volkstümliche und prophetische; bald singt er Jehudo Halewi nach und bald Goldfaden und Eljokum Zunser, bald ist er feuriger Nationalist („Dorthin nur zieht es mich, dort nur hin, dort nach Zion, wo ich auch bin"), fast wie Frug, und bald schimpft er mit häßlichen Worten, wie ein „aufgeklärter" Ungläubiger auf das rituelle Bad und auf die Chassidim . . . Doch das alles ist nur Reichtum an Themen, nicht an Gefühlen. Dieser Reichtum könnte von einem Dichter verwertet werden, der das Geheimnis kennt, Kunstwerke zu geben, mögen es auch nicht Stücke des Herzens und der Seele sein, — doch nicht von Rosenfeld. Sein Lied ist nur dann lebendig, wenn das Gefühl, das er beim Schreiben erlebt, lebendig ist.