Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Zwei Epochen jüdischer Literatur
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 384 (sequence 3)
- Language
- German
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I* A. Loubetzky, Zwei Epochen jüdischer Literatur. 383 Geschlecht war im finsteren Ghetto eingeschlossen und lebte sein Leben in den engen vier Wänden des Bes-Hamidrosch. Ihr hungriges Verlangen nach Naturschönheit stillten sie — mit den trockenen Blumen des Orients, welche ihnen ihre großen Ahnen in starken Folianten erhalten hatten. Plötzlich aber wurden die alten Folianten geschlossen, und die Augen öffneten sich. Alle Erinnerungen an die Wunder der Legenden und ihre zauberhafte Phantasie verschwanden mit einem Male und erstarben, als hätte eine reinigende Hand über die Spinnwebe gefegt. Die Augen sind jetzt offen, die Köpfe klar, das Denken nüchtern. Kein Schwung, keine Phantasie; alles wird genau beobachtet, untersucht, durchgegrübelt, durchstudiert und seziert Man bedenke: Das Volk, das Zeit seines Lebens mit wundersam-phantastischen Geschichten verbrachte, das Volk, dessen ganzes Leben ein Gewebe von Wundern, Legenden und Phantasie bildete, das Volk hat in seiner Literatur keinen einzigen Erzähler. Seine Schriftsteller sind Plastiker, die sich stark an der Oberfläche halten; sie betrachten die Welt mit trockenem Gelehrtenblick, damit ihr Denken sich, Gott behüte, — ja nicht in Phantasie verspinne. Die reiche jüdische Phantasie, die einst imstande war, Blumen in das finstere Ghetto zu zaubern und das kahle Bes-Hamidrosch zu beleben, sie fehlt unseren modernen jungen Literaten. Und deshalb, sage ich, ist unsere letzte Literaturepoche, die Renaissanceliteratur, mehr europäisch als jüdisch. Wir können es ohne falsche Scham eingestehen: Der jüdische Roman ist bis jetzt noch nicht erstanden. Die europäische Epoche unserer Literatur, die sogenannte Renaissance, welche uns mit so vielen neuen Werten und Sehnsüchten und noch anderen ähnlichen Phrasen beschenkt hat, hat uns bisher den jüdischen Roman noch nicht gegeben. Wir haben Skizzen — unter ihnen manche, die nicht schlecht sind —, wir haben Ansätze zur erzählenden Literatur, aber den eigentlichen Roman haben wir bis nun noch nicht. Auch jene Schriftsteller, welche alle ihre Kräfte anstrengen, um die verborgene Sprache der Seele zu hören und zu verstehen, auch sie können sich nicht zu dem weiten Gedankenfluge aufraffen, der zum Himmel führt. Wie ein schwerer Stein hängt an ihnen das tägliche Leben und hindert sie an der kleinsten Bewegung. Unsere jetzige Literaturepoche hat das größte und beste Material für einen jüdischen Roman. Die Renaissance unseres Volkes — ob sie ein Fundament im Leben hat oder nicht, das ist eine Frage für sich — mit ihren reichen und bunten Farben, ihrem gewaltigen Stürmen und Drängen konnte kein einzigem Erzählerherz erbeben machen und zum Leben wecken.