Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Zwei Epochen jüdischer Literatur
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 385 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119808-3120726--0675-3120843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
384 I. A. Loubetzky, Zwei Epochen jüdischer Literatur. Große Seelen, gewaltige Erscheinungen schreiten durch unser Lebenswirrsal; es fehlt die schöpferische Hand des Künstlers, der ihnen wieder Leben einhauchte. Die Seele des sagenumwobenen H e r z 1 — viele Linien zu ihrer Zeichnung findet man in Beaconsfields „Tancred" und Zolas „Geld" —, die mächtig packende Verrücktheit Daynords, der 200000 Juden zu Fuß gen Palästina führen wollte, um so Europa zu zwingen, sich mit der Judenfrage zu befassen, die elementar über Europa hereinbrechende Wanderung der Tausende rumänischer Juden oder die phantastische Idee von der großen Verbrüderung aller Semiten, die sich gegen das alte, kranke Europa richten soll, das in der Agonie liegt, die geheimnisvolle Vereinigung der Bnej-Mosche. — Herr des Himmels, gab es je, selbst in der Ritterpoesie, packendere, phantastischere Stoffe? Das Leben hat schon selbst für alle künstlerischen Mittel gesorgt; Dekorationen, gewaltige Effekte, spannende Situationen, alles, alles ist in Hülle und Fülle vorhanden. Nur ein wenig Phantasie, ein bißchen Schwung ist noch nötig, und es entstünde ein jüdischer Roman, der die ganze Welt in Atem hielte. Aber die Gattungen, welche die Hauptelemente der erzählenden Kunst sind, fehlen unseren modernen hebräischen und jiddischen Schriftstellern, Für sie genügt die Oberfläche einer kleinen Linse, die sie von allen Seiten messen und prüfen. Und indes kann die Erde erzittern, die Welt untergehen — sie werden dadurch auch nicht für eine Minute in ihren Grübeleien gestört Nur wenn rings um sie schon das Tohuwabohu herrscht, dann werden sie erst anfangen, das Welterichaos zu bewundern, den Weltuntergang in Liedern zu besingen und in Bildern zu malen. Aber auch dann wird ihr Auge nicht die gewaltige Majestät der Weltruine erfassen. Mit ihrem altgewohnten Handwerkszeug ausgerüstet, werden sie die große Szene des Weltterganges in kleine Brocken zerstückeln, auf daß sie um so besser in den einzelnen Schutthaufen wühlen und grübeln können. Darum haben uns diese „Seher" und Beobachter der modernen Renaissanceliteratur den Roman des jüdischen Neuwerdens noch nicht geben können.