Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Zwei Epochen jüdischer Literatur
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 383 (sequence 2)
- Language
- German
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382 L A. Loubetzky, Zwei Epochen jüdischer Literatur. nalisierung und Kultivierung des jüdischen Geistes zu predigen. Doch im Wesen ihres Schaffens ist sie durch und durch europäisch. Gewöhnlich teilt man unsere neue Literatur in eine Menge von Epochen und Schulen. In den paar vereinzelten literarhistorischen Versuchen, die wir haben, finden wir analogieweise alle Epochen der anderen europäischen Literaturen aufgezählt Aber alle diese Einteilungen in verschiedene bekannte Epochen, welche gar nicht für unsere neue Literatur passen, zeigen nur das eine, daß die jüdischen Literarhistoriker sehr gut bewandert sind in — der europäischen Literaturgeschichte. Mit aller Gewalt — es mag passen oder nicht — wollen sie die neuhebräische Literatur in den fremden Rahmen der allgemeinen europäischen Literatur hineindrängen. Alle diese Schul- und Epocheneinteilungen sind künstliche und gemachte Dinge, die mit der neuhebräischen Literatur selbst nicht organisch verwachsen sind. Fremde Instrumente, fremde Melodien sind das, die unsere Literarhistoriker und Kritiker in fremdem Land gehört und in unsere Welt hineingebracht haben. Wenn wir aber unsere neue Literatur nur nach dem Wesen ihres Schaffens und ihrer künstlerischen Eigenart betrachten, hat sie bisher nur zwei Epochen gehabt Die erste war die „jüdische", die sogenannte Haskalahepoche; das war die erste Entwicklungsform der neuhebräischen Literatur, Damals hat sie Gottes freie Welt durch die Fenster des Bes-Hamidrosch gesehen, und sie zeichnete und malte in demselben primitiven Stile, wie ihn die Misrochtafeln haben. Die zweite Epoche unserer Literatur ist die „europäische", in der sie noch jetzt lebt Es ist die sogenannte Renaissance- und Nationalepoche. Sie nennt sich national; sieht man sie aber näher an, so kommt man zur Ansicht, es gebe nichts Unjüdischeres als die neuhebräische Literatur der Gegenwart. Damit will ich nicht etwa das alte Klagelied wieder anstimmen, daß unsere modernen jüdischen Schriftsteller die fremden Literaturen nachahmen. Ich will nur damit sagen: unsere neue Literatur ist nicht jüdisch, sie hat sich nicht aus unserer Vergangenheit herausentwickelt und spiegelt sehr wenig die jüdische Gegenwart wieder — ich spreche dabei nicht von ihren Gedanken, sondern vom Wesen ihres künstlerischen Schaffens. Unsere Literatur ist ein ganz neues Geschöpf, als wären wir Juden eben erst als Volk geboren worden. Alle ihre Elemente sind unserem Geiste und unserem Leben fremd. Geschlecht um Geschlecht lebte die langen Jahre hindurch mit verschlossenen Augen und ergötzte sich im Spiele mit alten, verstaubten, mit Spinnweben bedeckten phantastischen Legenden. Geschlecht um